Inhalt:

Edward Cullen ist ein erfolgreicher Staranwalt und seit fünf Jahren mit Bella verheiratet. Die beiden leben sich auseinander da er seine junge Frau zu oft alleine lässt. Als ihm auch noch seine attraktive Kollegin Tanya offen Avancen macht eskaliert die Situation. (Edward/Bella Pairing)Happy-End garantiert.

© by Vivian (Die Charaktere gehören Stephenie Meyer)

Montag, 29. November 2010

Kapitel 64 - Epilog

Bellas PoV

Ich stand am Wickeltisch und versuchte die Klebestreifen der Windeln zu befestigen, was sich als gar nicht so einfach herausstellte. Josh hatte seit einigen Tagen die Angewohnheit, sich  strampelnd hin und her zu winden, was die ganze Sache doch sehr erschwerte. Ich schaffte es jedoch und knöpfte Joshs Body zu. Nachdem ich ihm auch seinen Strampler angezogen hatte, nahm ich ihn auf den Arm und legte mich mit ihm auf das bequeme Sofa. Josh gähnte und zeigte mir seinen zahnlosen Mund, was mich jedes Mal lächeln ließ. Er war so süß!

Stundenlang konnte ich ihn einfach nur anschauen, fasziniert davon, dass dieses kleine Wesen jetzt zu mir gehörte. Seit Cassandra aus dem Krankenhaus entlassen und in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Anstalt überführt wurde, konnte ich mit Edward endlich das Eltern- und Eheglück in vollen Zügen genießen.
Wir mussten keine Angst mehr haben, konnten uns frei bewegen und das Haus gehörte endlich wieder nur uns allein. Mum und Dad waren zurück nach Forks, da ja keine Notwendigkeit mehr bestand hierzubleiben. Auch Jake packte seine Sachen und zog mit Leah in eine gemeinsame Wohnung, da die Gefahr jetzt endgültig vorüber war.Ich grinste, als ich daran dachte, wie fürchterlich die zwei sich um die Einrichtung gestritten hatten. Jake wollte unbedingt seinen uralten, potthässlichen Lesesessel behalten, was Leah unter allen Umständen verhindern wollte. Das würde noch einigen Diskussionsbedarf geben!

Manchmal war es ein wenig einsam, so ganz allein im Haus zu sein, da Edward ja den ganzen Tag beim Arbeiten war. Er blühte regelrecht auf bei der Staatsanwaltschaft und erzählte mir begeistert von seinen Kollegen und den interessanten Fällen. Er war auch hier an die Schweigepflicht gebunden und konnte mir natürlich keine Details erzählen, aber er schwor mir; sich niemals wieder eine „Freundin“ unter den wenigen weiblichen Kollegen zu suchen, mit der er diese Dinge diskutieren konnte. Er traf sich gelegentlich zu einem Bier mit Ruben Potter, seinem etwas dicklichen, gutmütigen Anwaltskollegen, der ihm zuarbeitete. Ruben war ein Fall für sich. Sehr schüchtern, außer im Gerichtssaal, ging er jede Woche in den Kirchenchor, arbeitete ehrenamtlich als Berater in einem Heim für schwererziehbare Jugendliche und war auch sonst jemand, der darin aufging, anderen zu helfen. Edward mochte ihn und schätzte die ruhige Kompetenz seines Kollegen. Es war wichtig für ihn jemanden zu haben, mit dem er über diese Dinge sprechen konnte. Er wollte nicht wie so viele andere Staatsanwälte enden, die frustriert und desillusioniert den Job hinschmissen und sich wieder als freie Anwälte anbiederten.

Ich selbst nutze die freie Zeit, wenn Josh schlief, um zu schreiben. Die Show war ein voller Erfolg und es waren weitere Staffeln in Planung. Trotzdem wollte ich mich nicht auf den Lorbeeren ausruhen und weiterhin schriftstellerisch tätig sein. Jasper gab mir aufgrund meiner Mutterschaft keinerlei Terminvorgaben und so konnte ich in Ruhe mein neuestes Buch verfassen. Seit einiger Zeit, traf ich mich oft mit Rose. Dank  ihrer Tochter Maggie, konnte sie mir viele Tipps geben, sei es  in der Babypflege oder auch der Umgang mit einem Säugling. Maggie war ganz vernarrt in Joshua. Er war für sie wie eine lebendige Puppe und sie konnte ihm gar nicht genug Küsschen, auf seinen leichtbehaarten Kopf geben.

Endlich war wieder Ruhe eingekehrt in unser Leben und wir genossen das zutiefst. Ein Geräusch ließ mich aufschauen und ich strahlte, als ich Edward in der Türe stehen sah, der mich liebevoll anlächelte.

„Edward! Ich dachte, du kommst erst in ein paar Stunden nach Hause“, freute ich mich.

„Die Verhandlung ist geplatzt, weil der Angeklagte sein Geständnis zurückgenommen hat. Der Richter hat die Verhandlung vertagt und alle müssen sich jetzt erst mal auf die neue Situation umstellen. Die Anklageschrift ändert sich jedoch nicht und ich werde mein Eröffnungsplädoyer auch nicht ändern. Es ist der Verteidiger, der jetzt Probleme hat, denn unser Deal ist jetzt natürlich geplatzt.“

„Es ist mir egal, aus welchem Grund du hier bist. Hauptsache, du bist da.“

Er überbrückte den kurzen Abstand zu mir und legte sich neben mich. Wie gut, dass die Couch so breit ist, dachte ich verträumt, als er die Arme um mich legte und zufrieden seufzte. Wir lagen eine ganze Weile zusammen und sprachen nicht. Wir ließen nur das Glück auf uns wirken, zusammen zu sein, verliebt und mit einem wunderhübschen Kind gesegnet. Plötzlich seufzte er.

„Was ist los?“, fragte ich.

„Ich musste gerade an meine Schwester denken.“

Ich verkrampfte mich sofort und Josh fing an, unruhig zu wimmern. Noch immer steckte mir der Schrecken in den Gliedern, wenn ich an die Entführung zurückdachte. Trotzdem tat mir Rebecca leid! Sie war jetzt in der psychiatrischen Klinik und man versuchte dort, ihr zu helfen. Sie machte tatsächlich Fortschritte, denn Cassandra trat nur noch sporadisch auf und ihr echtes Wesen hatte wieder zurückgefunden. Zumindest besagten dies die Berichte, die man Edward als Familienangehörigen, immer wieder zukommen ließ. Es war merkwürdig, eine Person ständig mit neuem Namen anzusprechen, doch es war wichtig ihre Persönlichkeiten zu trennen. Rebecca war ein liebenswerter Mensch und hatte nichts mit ihrem Alter Ego Cassandra zu tun. Sie würde für ihre Taten als Cassandra nicht verurteilt werden, da ein vom Gericht bestellter Psychiater, ihre Unzurechnungsfähigkeit bestätigt hatte. Sie musste allerdings die nächsten Jahre in der geschlossenen Abteilung der Klinik verbringen und würde erst rauskommen, wenn man sicher sein konnte, dass man ihre Persönlichkeitswechsel in den Griff bekam. Dies war jedoch unglaublich schwierig und nicht leicht zu bewerkstelligen.

„Edward, hast mal daran gedacht, sie zu besuchen? Ich würde dich begleiten, wenn du das tun möchtest.“

Traurig sah er mich an.

„Irgendwie habe ich schon das Bedürfnis dazu. Sie ist meine Schwester, egal was auch passiert ist, diese Tatsache kann ich nicht verleugnen. Sie wurde schon zu lange weggeschoben. Wer weiß, wie sie geworden wäre, wenn man ihr nicht so unglaublich weh getan oder sie  so furchtbar missbraucht hätte.“

Pastor Hogan wurde zu lebenslanger Haft verurteilt und während der Verhandlung kamen immer mehr grausige Details ans Licht, die er und seine Ehefrau den ihnen anvertrauten Kindern angetan hatten. Rebecca traf es am Schlimmsten, da sie ja Tag und Nacht ihrer Willkür ausgeliefert war. Sie taten ihr als Kind unaussprechliche Dinge an, sie zu züchtigen war leider nur die Spitze des Eisbergs. Es war kein Wunder, dass sie zum Schutz eine neue Persönlichkeit erschaffen hatte, die diese Gräueltaten an Leib und Seele für sie aushielt.

Meine Wut und mein Hass waren schon längst Vergangenheit, denn ich wollte nicht mit so negativen Gefühlen in mein neues Leben starten. Die Tage in dem Blockhaus, die ich mit „Cassandra“ verbringen musste, hatten mir auch eine andere Seite von ihr gezeigt. Überraschenderweise ging sie absolut liebevoll und geschickt mit Josh um, hatte keinerlei Schwierigkeiten ihn zu versorgen und ließ mich staunen. Auch mir gegenüber, verhielt sie sich äußerst zuvorkommend, es schien fast schon, als hätte sie in mir eine langersehnte „Freundin“ gefunden. Freilich blieb ich vorsichtig und ließ mich nicht von ihrer Stimmung einwickeln, die schnell wieder umschlagen konnte. Keinen Augenblick vergaß ich, mit wem ich es da zu tun hatte und wozu sie fähig war. Ich nutzte die erste Gelegenheit, die sich mir bot, um mein mitgenommenes Handy einzuschalten, damit es eventuell geortet werden konnte. Dad erzählte mir mal, dass sowas möglich war und ich hoffte einfach darauf, dass sie das Signal zurückverfolgen und damit  meinen ungefähren Standort ermitteln konnten.

Wie froh war ich, als Edward plötzlich in der Türe stand und mich in die Arme schloss. Pure Erleichterung durchströmte mich damals. Jetzt mussten die ganzen Erlebnisse, die uns monatelang in Angst und Schrecken versetzt hatten, aufgearbeitet und verdaut werden. Ein erster Schritt hierfür, wäre sicherlich ein Besuch bei seiner Schwester. Wir mussten mit eigenen Augen sehen, dass sie hinter Schloss und Riegel war und niemandem mehr etwas antun konnte. Es wäre auch wichtig zu sehen, dass sie nicht mehr das Monster war, welches jahrelang ihren Geist gefangen hielt.

„Edward, wenn du sie sehen möchtest, dann werde ich dich begleiten. Vielleicht wäre es heilsam mit ihr zu sprechen und auch eine andere Seite von ihr kennenzulernen.“

Er sah mich gerührt an und küsste mich zart auf die Stirn.

„Womit habe ich nur so eine Frau wie dich verdient?“, flüsterte er ergriffen.

„Hm, ich weiß nicht. Lass es uns zusammen rausfinden.“

Wir gingen zusammen nach oben, legten den schlafenden Josh in sein Bettchen, um uns ganz unserer Liebe hinzugeben, bevor der kleine Kerl  nebenan sein Recht einforderte und schreiend nach der Brust der Mutter verlangte.

Weitere Wochen zogen ins Land. Wir hatten Rebecca immer noch nicht besucht, da ihr behandelnder Arzt uns vorerst davon abriet. Es war alles noch sehr frisch und die Gefahr, dass sie wieder in ihre böse Persönlichkeit verfiel, war sehr hoch. Edward schien fast erleichtert darüber, da er die Begegnung mit seiner Schwester gleichermaßen herbeisehnte wie fürchtete. Doch es war wichtig, diese Sache im Kopf abzuschließen und das ging nur, wenn er sich seinen Ängsten stellte. Eines Tages würden wir es nicht mehr herauszögern können und stünden ihr von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Laut ihrem Therapeuten, war dieser Tag nicht fern. Bald wäre sie stabil genug, um Besuch zu empfangen und wir würden uns vor diesem auch nicht drücken.

Es war Freitagvormittag und ich packte meine Wickeltasche, um mit Josh zusammen Alice zu besuchen. Ich freute mich wahnsinnig darauf, meine allerliebste Freundin zu sehen. Auch wenn ich gerade einen sehr engen Kontakt zu Rose pflegte, so war Alice immer noch wie eine Schwester für mich. Niemand würde an diese Freundschaft je heranreichen können. Ich legte Joshua in den Babysafe, setzte mich an Steuer und ließ eine Cd mit klassischer Musik laufen. Fröhlich vor mich her summend, legte ich den Gang ein und fuhr los.

Ich brauchte eine ganze Weile, bis ich auf den Parkplätzen vor Alice und Jaspers Wohnung hielt, da der Verkehr mörderisch und die Baustellen unterwegs sich scheinbar in atemberaubendem Tempo vermehrten. Doch das tat meiner guten Laune keinen Abbruch und ich ging vollbepackt mit Kind und Tasche in das Gebäude. Ich klingelte an ihrer Türe, nachdem mich der Lift nach oben beförderte und wurde gleich darauf mit einem glückseligen Quietschen empfangen.

„Bella! Bella, wie schön du bist da und der kleine Wonneproppen ist auch da. Komm doch rein!“

Sie zog mich durch die Türe und ich hatte Mühe bei dieser stürmischen Begrüßung nicht in lautes Gelächter auszubrechen. Alice war wie immer eine Naturgewalt! Wir begaben uns ins Wohnzimmer, wo schon Unmengen an Kuchen, Keksen und ….Tee stand. Seit wann trank Alice Tee? Sie war wie ich ein absoluter Kaffeejunkie und konnte nicht genug von dieser braunen Brühe bekommen. Selbst der mieseste Automatenkaffee war ihr willkommen, solange er nur stark genug war.

„Darf ich Josh halten? Bitte?“, bettelte sie und ich hob ihn aus seinem Babysafe und legte ihn ihr in die Arme. Er wurde wach und gluckste ein wenig, schaute sie bewusst an und ein zahnloses Grinsen, belohnte Alice Bemühungen ihn zum Lachen zu bringen. „Oh, er ist ja so süß!“

Wir setzten uns und ich beobachtete amüsiert, wie verzaubert Alice jedes Mal war, wenn sie Josh in den Armen hielt. Nach einigen Minuten fing er an zu wimmern und ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass es Zeit war für die Brust. Alice gab ihn mir zurück und sah fasziniert zu, wie mein Sohn zufrieden an meiner Brust nuckelte. Dabei schob sich die sonst so disziplinierte Alice einen Keks nach dem anderen in den Mund und langte auch beim Kuchen kräftig zu.

„Bist du schwanger?“, fragte ich geradeheraus.

Sie verschluckte sich an einem Stück des leckeren Schokoladenkuchens und sah mich mit großen Augen an.

„Unmöglich! Er hat immer was benutzt!“, sagte sie leicht beunruhigt.

„Alice, wenn ihr nur Kondome benutzt habt, dann kann es trotzdem passieren. Es ist zwar sehr unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich. Nimmst du nicht die Pille?“

„Oh!“, flüsterte sie und starrte das Kuchenstück in ihrer Hand an, ehe sie es vorsichtig zurück auf den Teller legte. „Weißt du, ich vertrage die Pille nicht und deswegen hat Jazz immer verhütet. Dass ich schwanger werden könnte, habe ich immer ausgeschlossen. Wozu machen sie die Dinger, wenn es nicht hilft.“

„Wäre es denn so schlimm, wenn du ein Baby kriegen würdest?“, fragte ich sie sanft und musste über ihre Naivität schmunzeln.

Sie blickte mir in die Augen, in denen Tränen schimmerten.

„Bella, ich wünsche mir nichts sehnlicher, als ein Baby. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Jasper eines will, zumindest zu diesem Zeitpunkt. Er hat noch so viel vor, Bella! Er  hat mir vorgeschwärmt, wie sehr er es genießen wird, mit mir die Welt zu bereisen. Diese ganze Sache mit Rebecca hat ihm bewusst gemacht, wie kostbar die Liebe und das gemeinsame Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann. Er will nicht mehr ganz so viel Zeit in den Verlag investieren und einen Assistenten einstellen, der ihn vertreten kann, wenn wir unterwegs sind. Durch die heutige Technik, ist es ja möglich, auch vom anderen Ende der Welt aus zu arbeiten. Er freut sich so, Bella. Was soll ich denn jetzt machen?“

„Alice, jetzt mach dich doch nicht verrückt. Stell doch erst mal fest, ob du tatsächlich schwanger bist und dann siehst du weiter. Wenn ein Baby unterwegs ist, kannst du es sowieso nicht ändern und Jasper wird sich sicher freuen. Denkst du, ihm sind Reisen wichtiger, als euer Baby?“

Jetzt lächelte sie zart, ihr kleines Gesicht leuchtete rosig und ein glückliches Glitzern lag in ihren Augen.

„Du hast recht! Er wird sich bestimmt freuen. Oh Bella!“ , zwitscherte sie, „Ein Baby, ein kleines, wundervolles Baby. Ich wäre wirklich überglücklich, wenn es wahr wäre. Ob es ein Mädchen wird? Wir könnten Josh und sie verloben!“, meinte sie eifrig.

Ich musste über ihren absurden Vorschlag lachen. Auf so was konnte wirklich nur Alice kommen. Etwas beruhigter langte sie nach dem nächsten Stück Kuchen und kaute grinsend.

„Alice, wenn du nicht aufpasst, siehst bald aus wie ein Fass. Glaub mir, es ist ein Gerücht, dass man für zwei essen muss.“

Alice Gesichtsausdruck war göttlich. Sie blickte den Kuchen furchtbar enttäuscht an und seufzte kläglich.

„Ade, meine allerliebsten Kalorien!“, schmollte sie, „Ich hatte mich ja sooo auf exzessives Futtern gefreut. Jetzt muss ich doch warten, bis ich alt bin. Aber dann gibt es kein Halten mehr. Sobald ich die sechzig überschritten habe, werde ich mich täglich mit allen Süßigkeiten dieser Welt vollstopfen.“

Grinsend betrachtete ich das Gesicht meiner Freundin.

„Ich mache doch nur Witze. Iss so viel du willst. Ich habe doch selbst gefuttert wie ein Scheunendrescher.“

Sie streckte mir die Zunge raus, nahm sich aber zeitgleich den Schokoladenkuchen und verputzte ihn genüsslich. Nach dem Stillen schlief Josh wieder ein und ich unterhielt mit noch lange mit Alice. Das Gespräch war jetzt etwas ernster, da auch Rebecca zur Sprache kam, dennoch tat es gut, sich mit ihr auszutauschen. Es war schön, so eine tolle Freundin zu haben!


Alice POV
Bella verließ mich am späten Nachmittag. Wir unterhielten uns noch lange und ausführlich über ihre jetzige Lebenssituation, ihr neues Glück mit Edward und auch Rebecca blieb nicht unerwähnt. Irgendwie tat mir diese Frau jetzt leid. Sie wurde auf unglaublich grausame Art und Weise missbraucht und sie schützte sich auf ihre Art, um dieser Hölle zu entgehen. Leider wurde sie dadurch selbst zur Mörderin, da ihr tiefverwurzelter Wunsch nach Rache, jedes normale Verhalten überlagerte. Vielleicht war ihr in der Klinik zu helfen, doch trotz meines Mitleids würde ich es bevorzugen, wenn sie diesen Ort niemals wieder verlassen dürfte. Eine solche „Krankheit“ war mir bis dato völlig unbekannt,  da sie und Edward sich aufgrund Rebeccas Schicksal, intensiv damit auseinander setzten, waren sie sehr gut informiert über diese Störung. Da ich mit sowas noch nie in Berührung kam, versuchte mir Bella zu erklären, worum es sich handelte.

Als Ursache für die Dissoziative Identitätsstörung wurde meist wiederholter Missbrauch in der Kindheit angenommen. Die Aufspaltung in zwei oder mehr Teilidentitäten wurde daher  als Versuch verstanden, mit dem erlebten Trauma zurechtzukommen. Das hieß im Klartext, man trennte das reale Geschehen vom Bewusstsein. Die Behandlung  gestaltete sich meist langwierig und das  Ziel war es, eine größtmögliche Stabilisierung des Betroffenen zu erreichen. Neben der Alltagsbewältigung stand dabei das Kennenlernen und die Kooperation der Teilidentitäten untereinander im Vordergrund. Soweit möglich, sollte die Verarbeitung der traumatischen Erlebnisse in die Therapie der Dissoziativen Identitätsstörung mit einbezogen werden.

Ob dies bei Rebecca noch möglich war, würde die Zeit zeigen. Sie war wie ein rohes Ei, zerbrechlich und ihre Persönlichkeit von tiefen Rissen bedroht, wenn man sie zu hart anpackte. Ich war schwer beeindruckt, wie Bella und Edward die Situation meisterten. Ich hätte wahrscheinlich nicht so unglaublich souverän reagiert. Aber man wuchs mit den Herausforderungen und sie machten das Beste daraus. Hauptsache, Bella ging es wieder gut und sie konnte endlich in Ruhe ihr Glück genießen.

Leise Schritte waren zu hören und ich wandte den Kopf zur Tür, wo Jaspers blonder Haarschopf golden aufleuchtete. Jedes Mal, wenn ich ihn sah, wurden mir erneut die Knie weich. Seine unglaubliche Präsenz, die mir von der ersten Begegnung an den Atem raubte, nahm mich wieder gefangen und ich konnte ihn nur wie geblendet anlächeln.

„Jazz!“, flüsterte ich beglückt und ein breites Grinsen lag auf seinem Gesicht. Er kam mir entgegen, langsam, wie ein Panther und leckte sich die Lippen. Er war unwahrscheinlich sexy und obwohl er in unserer Beziehung absolut monogam war und mit der Verlobung ein klares Zeichen für unsere Zukunft gesetzt hatte, so blitzte doch immer wieder der Verführer von einst auf.

„Da ist ja meine Lieblingsfrau“, säuselte er.

Ich schmollte.

„Ich bin deine einzige Frau“, versetzte ich prompt und quietschte auf, als er mit zwei Schritten bei mir war und mich einfach von der Couch hob.

„Was hast du vor?“, japste ich erschrocken. Wie immer bedauerte ich es, so klein zu sein, denn meine mangelnde körperliche Größe, verleitete Jasper immer wieder dazu, mich wie eine Puppe durch die Gegend zu tragen.

„Ich schmeiß dich auf unser Bett, zieh dir diese lästigen Fetzen aus und dann werden wir Sex haben.“

„Jasper Whitlock, vielleicht will ich jetzt aber keinen Sex“, sagte ich, ohne es jedoch ernst zu meinen. Ich wollte ihn immer und jederzeit. Er nahm es als Herausforderung und das Glühen in seinen Augen, machte mich jetzt schon schwach. Er machte seine Ansage wahr und ich landete mit einem dumpfen Geräusch auf unserem riesigen Doppelbett. Ich spürte, wie sich mein Rock nach oben bauschte und die seidenen Laken streichelten sanft die empfindliche Haut meiner Oberschenkel. Jasper sah mit Wohlgefallen, wie sich meine Augen verdunkelten, als er sich langsam das Hemd vom golden schimmernden Oberkörper zog. Seine Muskeln zuckten unkontrolliert und ich sehnte mich danach, mit meinen Händen forschend darüberzufahren. Er legte sich auf mich und ich konnte endlich seine samtene Haut streicheln, fuhr ihm über den Rücken und die breiten Schultern, was ihm ein heiseres Stöhnen entlockte.

„Alice“, flüsterte er dunkel, „du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe. Ich bete dich an, mein Schatz. Ich kann es gar nicht erwarten, dich zu heiraten. Danach gehörst du für immer mir.“

Er küsste jede Stelle die er mit den Lippen erreichen konnte, seine Hände fuhren mir unter den leichten Rock und spreizten meine Beine. Er fuhr mir mit den Fingerkuppen, über den bereits feuchten Slip, streichelte mit sanftem Druck darüber und brachte mich damit zum keuchen. Mit der Zunge drängte er in meinen Mund, erforschte mich gierig, während die restliche Kleidung wie von Zauberhand verschwand. Nackt wälzten wir uns hin und her, immer noch in einem leidenschaftlichen Kuss verbunden, bis er es nicht mehr aushielt und sich mit einem tiefen Stoß in mir versenkte.

Später lagen wir erschöpft auf dem Bauch, die Gesichter einander zugewandt und sahen uns einfach nur in die Augen. Wir berührten uns nicht, sprachen nicht und doch war nicht unangenehm. Wir verstanden uns auch ohne Worte, führten einen stummen Austausch, als könnten wir die Gedanken des anderen lesen. Ich dachte über Bellas Vermutung nach, ich sei womöglich schwanger. Wie würde er reagieren? Oh Gott, ich musste es wissen, sonst würde ich mich in den nächsten Tagen völlig verrückt machen.

„Jasper!“

„Hm“, schnurrte er zufrieden. Er sah aus wie eine satte, zufriedene Katze.

„Ich möchte dich gerne etwas fragen, aber flipp bitte nicht gleich aus okay!“, sagte ich ein wenig ängstlich.

Er setzte sich augenblicklich auf und sah mich ernst an.

„Liebes, egal was es ist, du kannst es mir sagen. Ich werde bestimmt nicht ausflippen. Wir können wirklich über alles reden.“

Ich holte tief Luft.

„Weißt du, Bella war heute bei mir und wir haben uns unterhalten. Dabei habe ich wirklich ordentlich Kekse gefuttert und du kennst mich doch. Normalerweise bin ich bei Süßigkeiten und dergleichen sehr vorsichtig. Sie denkt, ich bin schwanger!“, sprudelte ich hinaus.
Ich sah ihn an und wartete auf den unvermeidlichen Schock von Jasper, doch nichts dergleichen geschah. Er lächelte nur und strich mir behutsam über den nackten Bauch.

„Ich habe mich schon gefragt, wann du darauf kommst. Du bist manchmal so arglos.“

Verblüfft sah ich ihn an.

„Ich verstehe nicht, Jasper! Ich weiß es doch selbst nicht, wie kannst du es dann ahnen.“

„Alice, wir sind jetzt mehrere Monate zusammen und dein Zyklus war immer pünktlich wie eine Schweizer Uhr. Ist dir denn ernsthaft nicht aufgefallen, dass du seit anderthalb Wochen überfällig bist.“

Schockiert sah ich meinen Verlobten an und hätte am liebsten meinen Kopf gegen die Wand geschlagen. Er hatte recht, aber wir hatten im Verlag so viel Stress und Arbeit, dann noch die privaten Verpflichtungen, da blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, auch wenn ich das Fehlen der Monatsblutung durchaus registriert hatte. Zudem, plagte mich ein leichter grippaler Infekt und ich schob das Ausbleiben der Periode darauf.

„Oh, Jasper. Du musst mich für die dümmste Person auf Erden halten. Wie konnte ich das nur so auf die leichte Schulter nehmen. Bist du jetzt böse?“, fragte ich ihn zerknirscht.

„Warum sollte ich denn böse sein? Ein Baby mit dir wäre absolut wundervoll. Es war vielleicht nicht geplant, aber deswegen liebe ich dich kein Stück weniger und unser Baby werde ich auch lieben, wenn du tatsächlich schwanger bist.“

Erleichtert schmiegte ich mich an ihn.

„Ich bin so froh“, seufzte ich, „Ich wünschte ich hätte jetzt einen Test da.“

Er richtete sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Ungläubig sah ich ihm dabei zu, wie er in seine Kleidung schlüpfte und sich seine Schuhe überstreifte.

„Was hast du vor?“

Er grinste.

„Ich fahre in die nächste Apotheke!“, erwiderte er leichthin.

„Warte! Ich komme mit“, sagte ich aufgeregt. Schnell krabbelte ich aus den Laken, zog mich an und verließ mit ihm die Wohnung. Geschickt lenkte er seinen Porsche durch die Straßen, bis er vor einer Apotheke hielt. Wir stiegen aus, betraten sie und ließen die Blicke suchend durch den Raum wandern.

„Können wir Ihnen helfen?“fragte die freundliche Stimme einer älteren Dame, die uns prüfend musterte.

Jasper nahm mich an die Hand und wanderte schnurstracks auf die Frau zu.

„Wir hätten gern einen Schwangerschaftstest!“, sagte er mit unüberhörbarem Stolz in der Stimme. Männer hatten wohl alle den Drang sich zu reproduzieren und verfielen in grinsender Selbstgefälligkeit, wenn ihnen das gelungen war. Doch es störte mich nicht im Geringsten. Im Gegenteil! Ich strahlte die Apothekerin an, die uns lächelnd betrachtete.

„Wird es das Erste?“, fragte sie amüsiert und Jasper nickte heftig.

„Ja!“ bestätigte er, „Geben Sie uns den besten Test, den Sie haben. Ach was! Geben Sie uns alle, die Sie haben!“, forderte er bestimmend.

Mein Grinsen wurde mit jeder Sekunde breiter. Wie sehr ich diesen Mann doch liebte! Jasper bezahlte die sage und schreibe fünf Schwangerschaftstests und die Dame wünschte uns noch viel Glück. Zuhause angekommen, riss ich die Packung des sichersten Tests auf und verschwand im Bad. So sehr ich ihn liebte, aber dabei wollte ich wirklich keine Zuschauer. Nachdem ich endlich soweit war, tauchte ich den Teststreifen in den Becher, steckte die Kappe darüber und legte den Teststreifen auf ein Kleenex. Ich wusch mir die Hände und ging zurück zu Jasper. Er hörte mich nicht kommen und so bekam ich die Gelegenheit ihn kurz zu beobachten. Nervös lief er auf und ab, knetete seine Hände uns sah ständig auf die Uhr. Dann raufte er sich die Haare, bis sie in sämtliche Himmelsrichtungen abstanden, drehte leicht den Kopf und entdeckte mich.

„Hey! Alles klar?“

Ich nickte und lief in seine ausgebreiteten Arme.

„Wir müssen noch fünf Minuten warten, dann steht das Ergebnis fest.“

Wir drängten uns aneinander, beide aufgeregt und voller Erwartung.

„In fünf Minuten, ändert sich vielleicht unser ganzes Leben, Alice“, flüsterte er mir ins Ohr, „Nichts wird mehr sein wie vorher! Sei aber nicht unglücklich, wenn der Test negativ ist.“

„Ich werde es versuchen, obwohl ich doch sehr enttäuscht wäre. Aber wir haben ja noch Zeit. Wenn der Test negativ ist, können wir doch noch unsere Reisen machen, auf die du dich so gefreut hast“, sagte ich. Oh nein, ich hatte nur erwähnt, dass er sich darauf freue und ihm so unbewusst gesagt, dass es mir nicht genauso ging. Ich wollte viel lieber ein Baby! Er schien meine Unsicherheit zu spüren und küsste mich zart auf die Lippen.

„Weißt du, Alice. Sollte es negativ ausfallen, dann möchte ich nicht mehr auf Reisen gehen. Ich will lieber ein Baby mit dir machen!“, hauchte er.

Voller Glück sah ich in seine eisblauen Augen, die mich von der ersten Sekunde an, in ihren Bann gezogen hatten.

„Bist du sicher, dass du das willst?“

Er nickte und sah auf die Uhr.

„Showtime, mein Schatz! Lass uns den Test ansehen.“

Ich ging ins Bad und nahm den Test mit ins Wohnzimmer, wo ich schon von meinem Verlobten erwartet wurde. Vorsichtig setzte ich mich neben ihn und nach kurzem Zögern, zog ich entschlossen die Verschlusskappe vom Teststab und sah zwei rosafarbene Streifen.

„Schwanger!“, jubelte ich überglücklich und fiel Jasper um den Hals. Der drückte mich lachend an die Brust und flüsterte in mein Ohr.

„Jetzt werden wir eine Familie sein, meine Kleine!“


Bellas Pov

Der Tag bei Alice war wundervoll gewesen. Es tat gut, sich so vertraut mit ihr unterhalten zu können und ich hoffte, dass sich ihr Wunsch nach einem Baby bestätigen würde. Ich spielte gerade mit Josh auf der Krabbeldecke und versuchte ihn dazu zu bewegen, länger als eine Minute auf dem Bauch zu liegen, als mein Handy eine SMS-Meldung anzeigte. Ich öffnete die Textnachricht und lächelte strahlend, als ich nur ein Wort von Alice zugesandt bekam. Positiv! Ich freute mich so für die beiden und war überzeugt davon, dass sie wundervolle Eltern werden würden. Jasper ging es nur gut, wenn es Alice gutging und umgekehrt genauso. Also beste Voraussetzungen, um ein Kind großzuziehen.

Es war jetzt später Nachmittag und es würde noch Stunden dauern, bis Edward nach Hause kommen würde. Er musste die Anklageschrift für einen neuen Fall vorbereiten und sowas dauerte immer seine Zeit. Seufzend erhob ich mich, als Josh anfing streng aus der Windel zu riechen. Nachdem ich ihn gewickelt hatte, fing er an zu weinen und hielt mich die nächste Stunde auf Trab. Josh war normalerweise ein sehr unkompliziertes Baby, doch auch er hatte seine Schreiphasen, die manchmal bis zu einer Stunde dauern konnten und mir selbst die Tränen in die  Augen trieben. Er brüllte dann, bis er fast blau anlief und schließlich vor Erschöpfung einschlief.

Gott sei Dank, kam das nicht so oft vor, denn jeden Tag wäre es sehr nervenaufreibend gewesen. Ich schaukelte ihn auf meinen Armen hin und her, bis er nur noch kläglich wimmerte, um schließlich erschöpft die kleinen Äuglein zu schließen. Vorsichtig legte ich ihn in sein Bett und schaltete das Babyphone an, weil ich noch runter wollte, um ein wenig zu schreiben.

Vertieft in meine Arbeit erschrak ich leicht, als das Telefon in meinem Arbeitszimmer klingelte. Fast schon geistesabwesend langte ich nach dem Hörer und meldete mich sehr kurzangebunden.

„Hier bei Swan und Cullen!“ Noch immer trug ich meinen Mädchennamen, da unser zweiter Hochzeittermin noch nicht feststand.

„Bella, hier ist Carlisle!“, meldete sich mein Ex-Schwiegervater.

„Carlisle! Wie schön von dir zu hören. Wie geht es dir?“, rief ich erfreut.

Ich vermisste ihn und Esme wirklich sehr und bedauerte es zutiefst, dass der Kontakt fast gar nicht mehr stattfand. Edward war noch immer enttäuscht über das Verhalten seiner Adoptiveltern und noch nicht imstande, ihnen zu verzeihen. Zumindest Esme hatte er an ihrem Geburtstag angerufen und ihr gratuliert, jedoch die Einladung zur Feier ausgeschlagen. Er konnte ihnen einfach noch nicht gegenübertreten und mied sie so gut er konnte. Doch es fiel ihm schwer! Ich kannte ihn zu gut und spürte genau, wie sehr ihm die selbstauferlegte Distanz zusetzte. Trotz allem, waren sie ihm gute Eltern gewesen und hatten ihn sein Leben lang begleitet, voller Liebe und Fürsorge seine Pläne unterstützt und ihm immer hilfreich zur Seite gestanden.

„Es geht mir ganz gut!“, sagte er vorsichtig, „Bella, es gibt einen Grund, warum ich anrufe und ich wollte erst mit dir sprechen, bevor ich Edward kontaktiere. Es geht um Elizabeth!“

Edwards leibliche Mutter! Was war mit ihr?

„Sprich weiter!“, forderte ich ihn auf und umklammerte den Hörer fester.

„Bella, ich hatte solche Gewissensbisse wegen dieser ganzen Geschichte und hatte nach dem Bruch mit Edward einen Entschluss gefasst. Nach reiflicher Überlegung, habe ich einen Detektiv engagiert und Elizabeth ausfindig gemacht.“

Stille. Ich konnte kaum atmen, geschweige denn sprechen. Mein Gott, was für eine Nachricht. Meine Neugier war jedoch zu groß und ich quetschte mir eine Frage aus den Rippen.

„Wo ist sie jetzt?“

„Bei mir und Esme in Forks. Ich wollte fragen, ob ihr  kommen könnt, da Elizabeth furchtbare Angst hat, sich bei Edward zu melden. Sie fürchtet eine Zurückweisung und traut sich einfach nicht. Ich möchte die beiden wieder zusammenbringen und dadurch einen kleinen Teil meiner Schuld tilgen. Glaubst du, er wäre bereit dazu? Du bist seine große Liebe, du kannst bestimmt positiv auf ihn einwirken.“

„Wow, Carlisle!“, hauchte ich verblüfft, „Das kommt aber jetzt sehr plötzlich! Hör zu, ich bin sicher, wenn er sich vom ersten Schock erholt, dass seine Mutter wieder  da ist, würde er sich bestimmt sehr freuen, sie endlich wiederzusehen. Mein Gott, es ist ja schon fünfundzwanzig Jahre her.“

Benommen sah ich aus dem Fenster, versuchte zu begreifen, was hier gerade passierte und ein kleines Lächeln bildete sich auf meinem Gesicht. Seine Mutter war zurück! Ich war mir sicher, dass er sich sehnlichst wünschte, sie wiederzusehen, mit ihr zu sprechen und vielleicht sogar ein klärendes Gespräch zu führen.

„Carlisle, ich werde dich umgehend zurückrufen, wenn ich Edward davon erzählt habe und seine Antwort weiß. Hab noch ein wenig Geduld.“

„Das werde ich. Ich habe mich mit Elizabeth ausgesprochen und sie hat mir verziehen. Jetzt hoffe ich, dass Edward ähnlich generös sein wird. Wenigstens Esme sollte er wieder an seinem Leben teilnehmen lassen, falls er mich nicht mehr ertragen kann. Sie ist so schrecklich unglücklich, ohne ihn.“

„Gib ihm noch ein bisschen Zeit, Carlisle. Er vermisst euch doch auch und seine Liebe ist kein Stück weniger geworden. Nur das Vertrauen ist eben weg und es wird lange brauchen, bis er es euch wieder schenken kann. Doch irgendwann, wird das wieder der Fall sein.“

„Ich hoffe es sehr, Bella“, sagte er kummervoll, „Wenigstens hat er dich, das beruhigt mich ungemein. Melde dich sobald du eine Antwort hast. Wir werden warten.“

„Wie lange wird sie bleiben?“

„Falls Edward den Kontakt wünscht, für immer. Sie lebt in England und hat vor einem Jahr ihren Mann verloren, der an einem Herzinfarkt verstarb. Sie hatte keine Kinder und es hält sie nichts in London.“

„Das tut mir ehrlich leid für sie. Ich werde heute noch mit ihm sprechen, damit ihr nicht solange warten müsst. Bis dann!“

„Bis bald und danke!“, erwiderte er erleichtert.

Wie auf heißen Kohlen saß ich ihm Wohnzimmer und erwartete Edwards Rückkehr. Seit Carlisles Anruf waren drei Stunden vergangen und ich ging im Geiste oder auch laut,  sämtliche Floskeln durch, mit denen ich ihn über die Rückkehr seiner Mutter informieren wollte. Doch nichts erschien mir richtig und ich beschloss es einfach auf mich zukommen zu lassen. Die Haustüre öffnete und schloss sich und ein strahlender Edward betrat das Wohnzimmer.

„Hallo meine Hübsche!“, rief er und nahm mich in die Arme. Sofort küsste er meine Lippen und für ein paar Sekunden vergaß ich alles um mich rum. „Mmmh“, machte er, „du schmeckst fantastisch."

Ich lächelte.

„Das sagt du mir nach fast jedem Kuss“, antwortete ich amüsiert, „So langsam ist es auch bis zu meinem Verstand durchgedrungen.“

Ich nahm seine Hand und zog ihn auf das Sofa.

„Edward, ich muss mit dir sprechen. Es hat sich etwas sehr wichtiges ereignet und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich es dir sagen soll.“

„Einfach raus damit, mein Schatz. Das ist immer noch am Besten“, riet er mir lächelnd.

Wenn das so einfach wäre, doch ich beschloss seinem Rat zu folgen und es einfach hinter mich zu bringen.

„Edward, Carlisle hat deine Mutter Elizabeth ausfindig gemacht und zurück nach Forks geholt. Sie warten darauf, dass du kommst, um mit ihr zu reden.“

Nachdem ich diese Bombe platzen ließ, versteinerte sein Gesicht und er atmete tief aus.

„Das ist nicht lustig, Bella!“

„So war es auch nicht gemeint! Edward, es stimmt. Sie ist in den Staaten und wartet sehnsüchtig darauf mit dir zu sprechen. Du musst nicht gleich entscheiden, ob du das möchtest, aber wäre es nicht wundervoll sie wiederzusehen“, fragte ich zart.

Er schüttelte verwirrt den Kopf, rieb mit den Handflächen über sein Gesicht, nur um dann mit ihnen durch seine ohnehin schon unordentlichen Haare zu fahren.

„Ich weiß nicht“, sagte er etwas verstört, „Das kommt so plötzlich.“

Er sah mich an und mitfühlend erkannte ich den tiefen Schmerz in seinen Augen. „Ich habe Angst, Bella! Was ist, wenn sie nicht so ist, wie ich es mir ausgemalt habe, wenn ich enttäuscht bin von ihr.“

„Du wirst es nie erfahren, wenn du dich nicht mit ihr triffst. Dieses Risiko wirst du eingehen müssen. Schlaf eine Nacht darüber und nimm dir die Zeit, die du  brauchst, um zu entscheiden. Es ist für alle Beteiligten nicht leicht. Stell dir vor, wie sich Elizabeth jetzt fühlen muss. Sie sitzt in Forks und weiß nicht, ob ihr Kind sie hasst oder ihr vielleicht doch verzeihen wird. Auch Carlisle leidet sehr unter der Situation.“

Er nickte.

„Ich werde gut darüber nachdenken, aber erwarte bitte keine überstürzte Antwort von mir.“

„Natürlich nicht! Das ist doch selbstverständlich. Egal, wie du dich entscheidest, ich werde hinter dir stehen. Wir haben uns und das ist das Wichtigste überhaupt.“

Seufzend legte er den Kopf an meine Brust und ließ sich von  mir durch das Haar streicheln. Er entspannte sich nach und nach und wir genossen einfach nur, die Nähe des anderen. Schließlich hob er den Kopf.

„Ich will sie sehen, Bella. Ich muss sie sehen!“

„Dann fahren wir so bald wie möglich nach Forks“, erwiderte ich zärtlich und er nickte zögernd.

Edwards PoV
Bellas Hand lag beruhigend auf meinem Oberschenkel, als ich die Abzweigung zum Haus meiner Eltern nahm. Nicht mehr weit entfernt, vom Haus in dem ich aufgewachsen war, wuchs meine Nervosität mit jedem Meter, den wir mit dem Auto zurücklegten. Bella hatte mit Carlisle gesprochen und ihm mitgeteilt, dass wir kommen würden. Das war jetzt ein paar Tage her und wir hatten mittlerweile Freitagnachmittag. Vorher konnte ich mich von meinen Verpflichtungen als Staatsanwalt nicht befreien und ich brauchte auch die Zeit, um mir über meine Gefühle klar zu werden. Wie diese aussahen, war mir immer noch nicht klar. Zwiespältig. Einerseits, freute ich mich darauf meiner leiblichen Mutter zu begegnen, andererseits war ich voller Angst, nach so vielen Jahren jegliche Verbindung zu ihr verloren zu haben.

Ich sah schon das Haus und ging langsam vom Gas, um in die Einfahrt einzubiegen. Der Kies vor dem Haus spritze, als ich den Wagen zum stehen brachte. Schnell stieg ich aus, öffnete Bella die Tür und nahm anschließend den Babysafe mit unserem Sohn. Der gluckste vor sich hin und griff nach dem Mobile, das an den Griffen befestigt war. Gemeinsam stiegen wir die paar Stufen hoch zur Haustür und klingelten. Trippelnde Schritte waren zu hören, sie gehörten unverkennbar zu Esmes zierlichen Füßen. Sie öffnete uns die Türe und sah mich schmerzlich an. Die Tränen stiegen ihr in die Augen, bei meinem Anblick und rissen alle Mauern um mein Herz nieder. Ich nahm sie in die Arme und hielt meine schluchzende Adoptivmutter fest.

„Nicht weinen, Esme!“, sprach ich sanft, „Es ist alles gut! Nicht weinen, das kann ich nicht ertragen.“

„Ich….ich …bin ..bin so froh, dass du…du wieder da bist. Du hast mir….mir so gefehlt“, weinte sie.

„Psst, alles ist gut. Ich liebe dich, Esme“

Tröstend hielt er sie in den Armen und mir wurde ganz anders. Es war so unglaublich schön zu sehen, dass die Sehnsucht nach seiner Ziehmutter größer war, als sein verletzter Stolz. Sie löste sich von ihm und lachte zittrig, nahm dann mich in die Arme und wandte sich schließlich Joshua zu. Weder sie noch Carlisle hatten ihn bisher in Natura gesehen, sie kannten ihn nur von Bildern, die wir ihnen per E-Mail schickten.

„Oh, ist das ein kleiner Engel?“, rief sie und brach prompt wieder in Tränen aus. „Komm, lass uns ins Wohnzimmer gehen. Ich sage Carlisle und Elizabeth Bescheid, sie sind gerade spazieren.“

Bella und ich sahen uns an. Mein Ziehvater und meine Mutter in trauter Zweisamkeit, beim Spazierengehen in freier Natur. Offensichtlich hatte Elizabeth ihm tatsächlich verziehen. Wir folgten Esme in das Wohnzimmer, nahmen Joshua vorsichtig aus seinem Babysafe und legten ihn der entzückten Esme in die Arme. Wir setzten uns auf die cremefarbene Couch, auf dem Glastisch vor uns stand ein hübsches Gesteck mit Blumen aus Esmes Garten. Die strahlend weißen Vorhänge waren halb aufgezogen und ließen das so seltene Sonnenlicht ins Zimmer, tauchten alles in ein warmes Licht und weckten Erinnerungen an meine Kindheit.

Voller Sehnsucht sah ich Esme an. Wie oft saß ich als Kind in diesem Raum über meinen Hausaufgaben, leistete ihr Gesellschaft, während sie über eine Handarbeit gebeugt, meine Fortschritte im Lesen und Schreiben beobachtete. Es wurde Zeit die Vergangenheit ruhen zu lassen und ihr zu verzeihen. Ich sah ihr zu, wie sie Joshua im Arm hielt und über das ganze Gesicht strahlte.

Sie herzte und drückte ihn voller Glück, machte sich mit ihm vertraut. Auch wenn sie nicht meine leibliche Mutter war, so würde sie immer meine Mama bleiben und somit auch Joshuas Oma. Niemand konnte ihr diesen Platz streitig machen! Welche Rolle Elizabeth in unserem Leben spielen würde, musste sich noch finden.

Gelächter drang von der Eingangshalle bis in das Wohnzimmer und ich versteifte sich merklich. Jetzt war der Moment gekommen, den ich all die Jahre so sehnlichst herbeigewünscht hatte und vor dem ich mich in der gleichen Sekunde fürchtete. Die Tür öffnete sich und Carlisle kam mit einer sehr gepflegten und hübschen Frau hinein. Ihr Haar leuchtete so rot wie der Sonnenuntergang und es wurde ersichtlich  von wem ich diese Tönung im Haar erbte. Sie lachte herzhaft, sah weder mich noch Bella, da sie mit dem Rücken zu uns stand. Erst als Carlisle starr in unsere Richtung blickte, drehte sie sich um und schlug die Hand vor den Mund.

„Oh mein Gott!“, flüsterte sie ergriffen und geschockt zugleich.
Mehr brachte sie nicht heraus und ihre Augen wurden nass. Eine einzelne, glitzernde Träne entfloh ihrem Auge und rann langsam ihre blasse Wange hinab. Der Kloß in meinem Hals wuchs heran und wurde so groß, dass ich das Gefühl hatte, zu ersticken. Da war sie nun, die Frau die mich geboren und die ersten Jahre in den Schlaf gesungen hatte. Diese Erinnerungen waren so ziemlich die Einzigen die ich an sie hatte, abgesehen von dem dramatischen Abschied am Tag ihrer Abreise. Ihre liebliche Stimme, die mir als Kind so viel Trost und Liebe spendete, war noch immer präsent und ich sehnte mich danach, wieder ein kleiner Junge zu sein, in ihre ausgebreiteten Arme zu rennen und mir von ihr sagen zu lassen, dass sie mich niemals verlassen würde. Doch man konnte das Rad der Zeit nicht mehr zurückdrehen und diese Möglichkeit war unwiderruflich vorbei. Meine Kindheit ließ sich nicht mehr nachholen, doch ich konnte versuchen sie neu kennenzulernen, mich dieser Frau wieder anzunähern, die mir in den ersten Lebensjahren alles bedeutet hatte.

Sie kam Schritt für Schritt auf mich zu und stand schließlich einen Meter von mir entfernt. Sie streckte ihre zitternde Hand aus, als wolle sie mich berühren, zog sie aber sogleich wieder zurück.

„Edward“, flüsterte sie nur gebrochen, „Ich habe all die Jahre jeden Tag an dich und deine Schwester gedacht, das musste du mir glauben.“

Sie weinte jetzt richtig, ungebremst flossen die Tränen, waren ein Zeichen ihrer tiefen Reue über ihr Verhalten. Sie wirkte zutiefst unglücklich, doch es machte sich leise Hoffnung in ihren Augen breit, als ich meine Hand nach ihrer ausstreckte und sie sanft drückte.

„Freut mich, dich kennenzulernen“, sagte ich zögernd und umschloss ihre eisigkalten Finger. Jetzt brach sie völlig zusammen.
Ein qualvolles Schluchzen erschütterte ihren ganzen Körper und sie sank vor lauter Schmerz auf ihre Knie. Es war beinahe, als würden durch meine freundliche Begrüßung sämtliche Dämme bei ihr einreißen.

„Es…tut ….mir….so ….leid!“, weinte sie, „so furchtbar leid, dass ich so schwach war. Ich..ich hätte um euch kämpfen müssen, aber es war so schwer. Nichts kann das je wieder gut machen. Ich habe….habe dich und deine Schwester im Stich gelassen. Welche Mutter… wäre zu sowas imstande. Ich fühle mich wie….wie ein Monster. Bitte verzeih mir, bitte!“

Ich sank ebenfalls auf die Knie und nahm das Gesicht meiner leiblichen Mutter zwischen meine Hände.

„Du brauchst dich nicht mehr entschuldigen. Ich glaube dir, hörst du. Ich glaube dir. Was hältst du davon, wenn wir ein Stück zusammen gehen?“

Sie nickte, richtete sich auf und drängte die Tränen zurück, während sie verhalten lächelte. Was mochte jetzt in ihr vorgehen? Zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren, stand sie einem ihrer Kinder gegenüber. Wir waren Fremde füreinander und wussten nichts vom anderen.  Es wurde Zeit, das zu ändern! Fürsorglich legte ich mir ihre Hand auf den Arm und führte sie hinaus in den Garten, der dank Esmes liebevoller Pflege in voller Pracht und Blüte stand. Die Sonne brach durch die Wolkendecke und tauchte alles in eine angenehme, warme Helligkeit. War das ein gutes Omen? Das versöhnliche Zeichen für einen Neubeginn.

Langsam schritten wir Seite an Seite über den frischgemähten Rasen und sahen uns wortlos an. Noch brachte keiner von uns ein Wort über die Lippen. Wir mussten uns erst an die Nähe des anderen gewöhnen, begreifen, was hier eigentlich passierte. Scheu musterte ich die Frau an meiner Seite. Elizabeth hatte nichts von ihrer Schönheit eingebüßt, obwohl die Zeit Spuren hinterlassen hatte. Feine Linien durchzogen die glatte, weiche Haut, die wie die meinige von Natur aus eher blass war. Sie wirkte unglaublich zierlich, genau wie  Bella, so zart und zerbrechlich, dass ich sogar Angst hatte sie anzublinzeln. I

hr früher feuerrotes Haar war im Laufe der Jahre zu einem rotgoldenen Ton ausgebleicht und vereinzelte graue Strähnen waren darin zu entdecken. Die mandelförmigen Augen hatte ich von ihr, nur die Farbe war anders. Während ich die grünen Cullen-Augen meines Vaters erbte, waren ihre von einem warmen Zimtton und leuchteten fast schon golden. Sie glänzten noch von den eben geweinten Tränen, die ihr vereinzelt immer noch in die Augen stiegen. Doch sie riss sich zusammen. Ihre Hand auf meinem Arm zitterte leicht, sodass ich mich genötigt fühlte, meine Hand darüberzulegen. Sofort hörte das Zittern auf und sie sah mich dankbar an.

„Wollen wir uns auf die Bank dort drüben setzen?“, fragte ich sie leise. Unter dem Baum am anderen Ende des Gartens, stand eine weiße Bank. Im Sommer saß ich oft dort und las irgendein Buch, freilich bevor ich ein Teenager wurde und mit meinen Kumpels unterwegs war, um die Gegend unsicher zu machen. Wir schlenderten langsam zur Bank und ließen uns darauf nieder. Unsicher schwiegen wir uns an, bis sie sich plötzlich straffte.

„Edward, du erwartest sicher eine Erklärung von mir!“, sprach sie mit überraschend fester Stimme, „Ich habe mir in den letzten Jahren immer ausgemalt, wie es wohl sein würde, wieder mit dir zu sprechen. Dich jetzt tatsächlich vor mir zu haben und keinen Hass und keine Verachtung von dir zu spüren, ist wie ein Himmelsgeschenk und ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es gibt keine Worte die beschreiben können, wie glücklich ich bin.“

„Warum hast du nie versucht Kontakt mit mir aufzunehmen? Du hast doch gewusst, wo ich lebe.“

Sie seufzte schwer.

„Ich konnte nicht!“, gab sie zu, „Ich war einmal hier in Forks. Es war dein elfter Geburtstag und ich nahm mir fest vor, zu Carlisle zu gehen und dich zurückzufordern.“

Erstaunt sah ich sie an.

„Du warst hier?“

Sie nickte.

„Ja! Es war ein wundervoller Tag, sonnig und warm, einfach perfekt zum Feiern. Ich konnte euch beobachten, durch Lücken in der Hecke und es brach mir fast das Herz“, erklärte sie, „Du sahst so glücklich aus! Ich habe es einfach nicht übers Herz gebracht, dir diesen Tag zu ruinieren. Sie waren deine Familie und die Liebe zu den beiden, stand dir förmlich ins Gesicht geschrieben. Wie hätte ich mich da dazwischendrängen können? Ich beschloss dir deine unbeschwerte Kindheit zu lassen. Du warst glücklich und allein das zählte für mich. Du warst doch glücklich?“, wollte sie dann noch etwas ängstlich wissen.

Ich erinnerte mich an diesen Geburtstag. Esme und Carlilse hatte mir meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt und eine Feier in unserem Garten organisiert. Ein großes Zelt stand mitten drin und beherbergte Bänke und die Tische dazu. Eine DJ sorgte für die Musikuntermalung und alle meine Schulkameraden waren eingeladen. Jeder fand es cool, vor allem, da sich die Eltern und Aufsichtspersonen weiterhin im Haus aufhielten und nur sporadisch ihre Kontrollgänge machten. Das war mit Abstand der beste Geburtstag meiner Jugendzeit  und ich bekam dabei sogar meinen ersten Kuss, von Amy Lee Sorenson.

Mein glorreicher Anfang als Frauenheld, dachte ich grinsend. Ja, ich war glücklich und ich konnte Elizabeth sogar ein wenig verstehen, dass ihr der Mut fehlte in dieses Glück hineinzuplatzen, um zu ihrem Recht zu kommen.

„Elizabeth! Ich kann dich doch so nennen?“, wollte ich wissen und sie nickte zustimmend, „Du hast mein Glück über dein eigenes gestellt. Du bist kein Monster. Ein Monster hätte mich aus meiner gewohnten Umgebung gerissen und es auf einen erbitterten Streit ankommen lassen, der mir bestimmt mehr geschadet als genutzt hätte. Ich bin ehrlich! Ich bin dir trotzdem böse, weil du mich und Rebecca so schnell aufgegeben hast, aber es wurde dir damals auch sehr schwer gemacht und ich habe nicht das Recht über dich zu urteilen. Ich habe selbst schwerwiegende Fehler in meinem Leben begangen, für die ich beinahe bitterlich gebüßt hätte.“

Ich machte eine kurze Pause, um mich zu sammeln und fuhr dann fort.

„ Ich will nicht mehr in der Vergangenheit leben, sondern in die Zukunft schauen. Was hältst du davon, wenn wir ganz neu anfangen? Nicht als Mutter und Sohn, sondern als Freunde.“

Sie lächelte strahlend.

„Das wäre mehr als wundervoll, Edward!“

„Fein! Dann möchte ich dich herzlich zu meiner zweiten Hochzeit mit Bella einladen! Wir werden demnächst den Termin festlegen und wir würden uns alle freuen, dich dabei zu haben.“

„Du liebst sie sehr, nicht wahr?“, fragte sie mich weich.

„Sie und Josh sind mein Leben!“, bekannte ich schlicht.

„Edward, es wäre mir eine Ehre, an deiner Hochzeit teilzunehmen und ich wäre furchtbar gerne deine Freundin.“

Wir sahen uns fest in die Augen und gaben uns feierlich die Hand. Es war noch lange nicht alles gesagt, es würde sicherlich noch so manche Träne fließen, doch es war ein Anfang.

6 Wochen später

Bellas PoV
Heute war mein Hochzeitstag! Der schönste Tag im Leben einer Frau und auch der anstrengendste. Alice zupfte an meinen Haaren herum, bis sie das Gefühl hatte, meine Frisur wäre perfekt. Leah wartete mit dem Kleid in den Händen und schien es kaum erwarten zu können, bis ich hineinschlüpfte und Rose stand bewaffnet mit ihrer Make-up Tasche parat, um sich an meinem Gesicht auszutoben.

Resigniert ließ ich alles über mich ergehen und sehnte den Zeitpunkt herbei, an dem dieses ganze Theater vorbei wäre. Jeder zupfte und zerrte an mir herum, Mum brach ständig in Tränen aus und Shelley schenkte mir mitleidige Blicke, weil sie es irgendwie geschafft hatte, ihre eigene Hochzeit mit Peter ohne derlei Trara über die Bühne zu bringen. Sie und Peter waren schlichtweg durchgebrannt. In Las Vegas gaben sie sich das Ja-Wort, ohne irgendwelche Verwandten oder Freunde. Sie wollten noch eine große Party veranstalten, doch das war lange nicht so stressig, wie die Organisation einer großen Hochzeit.

Edward und ich hatten gar keine andere Wahl, sondern fügten uns den Wünschen von unseren drei Müttern: Esme, Renée und Elizabeth. Letztere hielt sich anfangs sehr zurück, traute sich nicht so recht ihre Vorschläge einzubringen und wirkte unglaublich schüchtern. Schnell machte ich ihr klar, dass sie ab jetzt ein Teil dieser Familie war und sich nicht im Hintergrund zu halten brauchte. Von diesem Zeitpunkt an, wurde es besser. Sie lebte mehr und mehr auf, das Lachen wich kaum noch von ihrem Gesicht und sie wirkte sehr gelöst.

Dasselbe war von Edward zu sagen. Er fing an die Gespräche mit Elizabeth zu schätzen und suchte mehr und mehr ihre Nähe. Durch ihre Ehe mit einem Schriftsteller, den sie in London kennen und lieben lernte, war sie unheimlich belesen und teilte Edwards Liebe zu guter Literatur. Sie kamen sich näher und näher und gemeinsam nahmen sie eine weitere Hürde, die ihnen das eben schwermachte. Sie besuchten Rebecca.

„Bella! Bella!!“, holte mich Alice Stimme in die Wirklichkeit zurück.

„Entschuldigt, ich war ganz in Gedanken.“

„Das habe ich gemerkt!“, grinste Alice, „Deine Haare sind jetzt perfekt. Komm, du musst jetzt ins Kleid schlüpfen, damit Rose mit deinem Make-up beginnen kann.“

Gehorsam zog ich das Brautkleid an und Leah schloss die winzigen Knöpfe an meinem Rücken. Ich konnte mich selbst nicht sehen, da sie alle Spiegel verhängten, doch das machte mir nichts aus. Obwohl ich Überraschungen nicht mochte, vertraute ich meinen Freundinnen völlig. Mein Blick wanderte zu meiner Mutter, die auf dem Bett saß und sich die Nase putze.

„Mum, hör doch auf zu weinen“, bat ich sie, „Es ist doch nicht meine erste Hochzeit. Damals warst du auch nicht so nah am Wasser gebaut.“

„Oh Schätzchen! Es ist nur, weil ich so furchtbare Angst um dich und Josh hatte. Jetzt ist alles so wundervoll und ich freue mich so für dich.“

Zärtlich lächelte ich meine liebevolle Mutter an. Wir hatten in der Tat viel durchgemacht und erholten uns so langsam von den Strapazen dieser Monate. Mittlerweile erschien mir alles wie ein böser Traum, vor allem, da sich Rebecca auf dem Weg der Besserung befand. Edward war erstaunt über die Persönlichkeit seiner Schwester. Er erzählte mir, dass sie sich völlig von Cassandra unterschied und eines der liebevollsten Wesen war, die er jemals kennenlernte. Sie wusste, was sich zugetragen hatte, da ihr Therapeut sie Stück für Stück darüber informierte. Für Rebecca war es unglaublich schwierig zu begreifen, wie eine andere Person in ihr stecken konnte, die sie buchstäblich in eine Art Dauerschlaf versetzt hatte.

Sie konnte sich an nichts erinnern, was sie als Cassandra verbrochen hatte und kämpfte schwer damit, dass ihr anderes Ich wohl mehrere Menschenleben auf dem Gewissen hatte. Sie würde nie in der Lage sein, ein selbstständiges Leben zu führen und würde wohl den Rest ihres Lebens in dieser Klinik verbringen. Elizabeth war voller Schuldgefühle, da Rebecca nur durch ihre Schuld, in die Hände der Hogans geriet und so eine Entwicklung nahm. Sie zog in die Nähe der Klinik, um immer für ihr Kind da zu sein, besuchte sie fast täglich und kümmerte sich um diese arme, verlorene Seele.

Ich selbst war noch nicht bei ihr. Ich begleitete Edward und Elizabeth zwar in die Klinik, doch ich zog es vor draußen zu warten. Es war eine Art von Familienzusammenführung die keine Zuschauer brauchte und ich wollte ihnen die Möglichkeit geben, unter sich zu bleiben. Eines Tages würde ich sie besuchen und ihr sagen, dass ich ihr schon längst verziehen hatte. Ich wollte unbelastet von Hass und Trauer mein neues Leben mit Edward teilen und so fiel es mir nicht schwer, ihr nicht mehr mit Angst und Panik zu begegnen. Er selbst fand es ungewohnt, sie als Schwester zu sehen, besuchte sie aber regelmäßig. Alles schien sich zu finden und unserem Glück stand nichts mehr im Wege.

„So!“, sagte Rose, die mir gerade noch einen Hauch Rouge auf die blassen Wangen zauberte, „Jetzt ist es soweit! Die Braut ist bereit!“

Erleichtert seufzte ich auf und stellte mich von meinen Freundinnen flankiert, vor den hohen Spiegel.

„Bist du bereit dich anzusehen?“, lachte Shelley. Ich nickte und sie zog das Laken weg, das den Spiegel verdeckte.

Atemlos starrte ich auf die Frau die mir entgegenblickte. Ich erkannte mich kaum wieder! Das weiße Brautkleid, welches sich bis zur Hüfte eng an meinen Körper schmiegte, ging über in einen bauschigen, von schweren Falten durchzogenen Rock, dessen Saum den Boden küsste. Meine Schultern waren nackt und eine zarte Goldkette zierte als einziger Schmuck meinen Hals. Mit meinen Haaren gelang Alice ein wahres Kunstwerk! Sie flocht kleine Blütenblätter an den Seiten mit ein und am Hinterkopf, fielen die langen, mahagonifarbenen Strähnen in leichten Locken, auf meinen teils unbedeckten Rücken. Ich trug keinen Schleier, das wäre zu viel des Guten gewesen. Lange, weiße Handschuhe bildeten den Abschluss und mir wurde von der eben eingetretenen Esme der Brautstrauß überreicht. Elizabeth lehnte an der Türe und sah mich liebevoll an.

„Bist du soweit? Wenn nicht, stirbt Edward noch vor Nervosität. Er läuft wie ein Irrer durch die Gegend und versucht sich daran zu erinnern, wie man atmet“, scherzte Esme gutgelaunt. Elizabeth lachte glockenhell auf.

„Diesen Anblick werde ich nie vergessen! Er zieht die ganze Zeit an seinem Krwattenknoten und ist knallrot im Gesicht. Dass er so hibbelig sein wird, hätte ich nicht gedacht.“

Ich grinste.

„Er erinnert sich gerade wahrscheinlich daran, was ihm in einer Ehe mit mir blühen wird. Ich hoffe, er läuft mir nicht davon“, gluckste ich, weil mich der Gedanke an einen völlig entnervten Edward sehr amüsierte. Er war immer so souverän, da war es mal eine nette Abwechslung ihn schwitzen zu sehen.

Ich blickte noch mal reihum in alle Gesichter. Alice, Rose, Shelley und Leah! Ich hatte solches Glück, sie zu meinen Freundinnen zählen zu dürfen. Dann Mum, die mir  mit Rat und Tat zur Seite stand und immer in der Lage war, meine Tränen zu trocken. Ich hoffte inständig, auch so eine gute Mutter zu werden. Esmes gütige Augen waren voller Tränen, als ich den Blick zu ihr wandern ließ. Sie ahnte was in mir vorging und zwinkerte mir liebevoll zu. Zu guter Letzt war da noch Elizabeth. Wir kannten uns noch nicht so gut, aber wir hatten eines gemeinsam. Wir beide liebten Edward über alles und dies würde uns auf ewig miteinander verbinden. Stolz stand in ihren Augen und sie seufzte glücklich. Ich schluckte die aufsteigenden Tränen hinunter, da Rose mich gelyncht hätte, wenn ich durch meine Heulerei ihr kosmetisches Meisterwerk ruinierte, welches auf unauffällige Art auf Weise meine Züge betonte.

„Ich bin jetzt bereit!“, brachte ich zitternd hervor.

Esme, Mum und Elizabeth verließen den Raum, um meinen Vater zu holen, der mich zum Altar führen sollte. Meine Freundinnen, allesamt auch Brautjungfern, überprüften mit typisch weiblicher Eitelkeit den Sitz ihrer lavendelfarbenen Kleider und stellten sich hinter mir in Position. Es klopfte und mein Dad trat ein. Er war in Begleitung der kleinen Maggie, die in ihrem ebenfalls lavendelfarbenen Kleidchen ganz entzückend aussah. Sie war mein Blumenmädchen und platze fast vor Stolz darüber.

„Bella, meine Tochter!“, flüsterte mein Dad heiser, „Du siehst einfach wunderschön aus, meine Kleine.“

Voller Stolz streckte er mir seinen Ellbogen entgegen und ich hängte mich gerührt bei ihm ein. Langsam setzte sich unsere kleine Prozession in Bewegung, bis wir vor der verschlossenen Türe des Saales standen. Wir befanden uns in einem kleinen Schloss, das einem französischen Chateau nachempfunden war. Es bot genug Privatsphäre und Platz, um sowohl die Trauung, als auch das anschließende Fest darin stattfinden zu lassen. Alle Gäste waren in hübsch hergerichteten Zimmern untergebracht und ich würde mit Edward unsere Hochzeitsnacht hier verbringen. Dad klopfte leise und die Türe schwang auf.
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Edward stand am anderen Ende und drehte sich in meine Richtung, als die Türen sich öffneten. Trotz der Entfernung konnte ich die tiefe Liebe für mich in seinem Gesicht erkennen. Seine dunkelgrünen Augen funkelten wie die edelsten Smaragde, erhellten sein Gesicht und zogen mich in ihren Bann. Alles fiel von mir ab. Meine Nervosität, meine Angst und das flaue Gefühl im Magen, weil mich dieses ganze Hochzeitsding doch nicht kalt ließ. Schritt für Schritt ging ich meiner großen Liebe entgegen, mein Blick streifte unseren Sohn, der quäkend in Carlisles Armen lag und eine tiefe Zufriedenheit erfüllte mich. Peter saß neben ihm und zwinkerte mir freundlich zu, ließ dann jedoch kaum den Blick von seiner frischangetrauten Ehefrau, die direkt hinter mir lief. Jake stand vorne neben Edward und deponierte die Eheringe in seiner Brusttasche. Nur noch wenige Meter und ich war bei ihm. Meinem Dad,  sonst immer so stark und cool, standen die Tränen in den Augen, als er mich mit den Worten – Pass gut auf mein Mädchen auf!- an Edward übergab.

Er nahm meine Hand in seine und sah mich bewundernd an.

„Du siehst wunderschön aus, Bella!“, flüsterte er mir leise zu und brachte mich damit zum Strahlen. Er selbst sah atemberaubend gut aus in seinem Frack. Die bronzenen Haare waren ausnahmsweise gebändigt und lagen akkurat um seinen Kopf. Die Perfektion seiner Gesichtszüge weckte in  mir den Wunsch, ihn bis in alle Ewigkeit anzustarren und ihm schien es nicht anders zu ergehen. Während der Pfarrer seine Rede hielt, ketteten sich unsere Augen aneinander, verknüpften sich untrennbar. Ich nahm die Worte des Pfarrers kaum wahr, so sehr versank ich im grünen Feuer seiner geliebten Augen.
Es war Zeit unsere Gelübde zu sprechen und ich rang um Fassung, als ich ihm zuhörte. Er nahm meine Hand und zog mir den Ring über, den Jake an Edward übergab.

„Meine liebste Isabella, mit diesem Ring, nehme ich dich zur Frau. Ich kann nicht beschreiben wie glücklich du mich machst, mein Engel. Du bist meine Seele, mein Herz und mein Glück. Seit der Sekunde in der in dich sah, gab es für mich keine andere Frau mehr und es wird auch nie mehr eine geben. Für den Rest meines Lebens will ich dich an meiner Seite haben, mit dir alt werden und unsere Kinder großziehen. Ich werde dich lieben und ehren bis zum Tod und darüber hinaus.“

Er zog meine Hand an die Lippen, küsste sie und brachte mein Innerstes zum erbeben. Jetzt war es an mir, mein Versprechen abzugeben und auch ich nahm von Jake den Ehering entgegen, der für immer an, Edwards Ringfinger zieren würde.

„Mein liebster Edward, mit diesem Ring nehme ich dich zu meinem Ehemann. Ich liebe dich über alles, mein Schatz. Ich liebe dich dafür, wie mein Herz anfängt schneller zu schlagen, wenn du mir nahe kommst. Ich liebe dich, weil ich nur dich sehe, wenn ich meine Augen schließe. Ich liebe dich, denn du bist ich und ich bin du. Ich werde dich ebenfalls lieben und ehren, bis zum Tod und darüber hinaus.“

„Hiermit erkläre ich Sie zu Mann und Frau, Sie dürfen die Braut jetzt küssen“,gab der Pfarrer seinen Segen und Edward ließ sich das nicht zweimal sagen. Voller Leidenschaft nahm er meine Lippen in Beschlag und küsste mich, bis mir schwindelig wurde.

- ENDE -

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