Charlies Pov
Ich hielt das Ergebnis der Blutuntersuchung in meinen Händen.
Michael, der Chef des Labors und ein alter Freund aus Kindertagen, informierte mich als das Ergebnis feststand und ich setzte mich schnellstens ins Auto, um nach Port Angeles zu fahren.
Bellas und Edwards Geständnis über Tanya Denalis Nachstellungen schockte mich zutiefst. Dass mein kleines Mädchen in solcher Gefahr schwebte, war unerträglich und machte mir meinen Alltag zur Hölle. Ständig zuckte ich zusammen, wenn das Telefon klingelte. Von nackter Angst um mein Kind getrieben, setzte ich alle Hebel in Bewegung, um bei der Aufklärung mitzuhelfen. Ich war schließlich nicht umsonst Polizist und meine Kontakte waren hierbei äußerst hilfreich.
Michael erklärte sich sofort bereit das Blut auf dem Papier zu untersuchen. Stellte es sich tatsächlich heraus, dass es von einem Menschen stammte, musste ich Bella und Edward dazu bringen, Anzeige gegen Unbekannt zu erstatten. Andernfalls wäre der ganze Aufwand umsonst und die Beweismittelführung würde vor Gericht für ungültig erklärt werden.
Jetzt stand ich also hier, nachdem Michael mir den Umschlag in die Hand gedrückt hatte und riss diesen ungeduldig auf.
Zufrieden las ich das Ergebnis. Es stammte tatsächlich von einem Menschen!
Jetzt musste ich nur noch rausfinden, wessen Blut es war?
Den Hut zurechtrückend verließ ich schnellen Schrittes das Labor, um zu Carlisle ins Krankenhaus zu fahren.
Edward und Bella würde ich erst später Bescheid sagen. Mir war es jetzt wichtiger die nächste Phase der Ermittlung einzuleiten, denn es nützte uns nicht viel, dass das Blut durch eine menschliche Vene geflossen war, solange die dazugehörige Person nicht entlarvt wurde.
Durch Edward war mir bekannt, dass Elizabeths Baby im Krankenhaus von Port Angeles entbunden wurde. Mit etwas Glück existierte die Blutprobe des Babies noch und wir bekämen dadurch die Möglichkeit zu beweisen, dass Tanya und Edwards Halbschwester ein und dieselbe Person waren.
Bestätigte sich auch dieser Verdacht, war es unbedingt vonnöten die Adoptivfamilie des Mädchens ausfindig zu machen. Die vielen Jahre bei der Polizei schärften meine Instinkte und etwas flüsterte mir zu, dass die Kindheit dieser Verrückten eine Schlüsselrolle in diesem Fall spielte.
Im Laufe eines Polizistenlebens erlebte und sah man viele Dinge, die einen nachts nicht mehr ruhig schlafen ließen. Eine Prügelei oder häusliche Gewalt waren da noch die harmlosesten Dinge die man zu Gesicht bekam. Aus diesem Grund war ich mehr als froh in Forks zu sein. Eine Zeitlang, während Bella bei ihrer Mutter lebte, verschlug es mich nach New York. Doch es stellte sich schnell heraus, dass die Großstadt nichts für mich war. Die Hektik und Brutalität nagten an mir und ich kehrte diesem Hexenkessel bald den Rücken, um mich endgültig in meiner Heimatstadt niederzulassen.
Die Versetzung nach Forks brachte wieder Ruhe in mein Leben. Warum ich nach New York ging wusste ich selbst nicht. Wahrscheinlich wollte ich Renée beweisen, dass ich nicht so ein Landei war und hegte insgeheim die Hoffnung, sie so zurückerobern zu können.
Renée. Mir wurde warm ums Herz, wenn ich an meine Frau dachte. Nach dem Scheitern ihrer Beziehung mit Phil flüchtete sie zu mir, um ihre seelischen Wunden heilen zu lassen. Bereitwillig nahm ich die Frau auf, die ich nie vergaß und immer noch über alles liebte.
Ich päppelte ihr gebrochenes Herz wieder auf und stellte erstaunt fest, dass sie sich in Forks sehr wohl zu fühlen schien. Sie wirkte ruhiger als in ihrer Jugend und die einstige Abenteuerlust gehörte der Vergangenheit an. Mehrere Wochen vergingen und die Vertrautheit zwischen uns verstärkte sich mit jedem Tag. Einst liebten wir uns sehr und dieses Gefühl kehrte mit der Wucht eines Tsunamis zurück.
Ich erinnerte mich noch genau, wie sie mir schüchtern mitteilte, dass sie mir nicht länger auf die Nerven gehen wolle und sie deshalb plane zurückzugehen. Doch in ihren Augen stand die unausgesprochene Bitte sie davon abzuhalten. In diesem Moment warf ich alle Bedenken über Bord und küsste sie leidenschaftlich. Was danach folgte, war die unvergesslichste Liebesnacht unseres gemeinsamen Lebens.
Seitdem war sie mir nicht mehr von der Seite gewichen und sie strahlte vor Glück und Zufriedenheit.
Das Krankenhaus lag mitten in Port Angeles und ich parkte den Polizeiwagen direkt in der Nähe des Eingangs. Ungeduldig stieg ich aus und betrat das hellerleuchtete Gebäude, um so schnell wie möglich an die Information zu gelangen.
Die Dame hinter dem Tresen blickte mir erstaunt entgegen und ich sah ihr an, dass sie im Geiste sämtliche Verkehrsdelikte durchging, die sie eventuell auf dem Kerbholz hatte.
„Miss!“, sagte ich mit autoritärer Stimme, “ ich möchte Dr. Cullen sprechen.“
„Ähm, ja natürlich“, nickte sie.
Sie drückte auf einen der vielen Knöpfe ihrer Telefonanlage und erreichte ihn sofort.
„Dr. Cullen, hier ist ein Polizeibeamter der Sie sprechen möchte“, flüsterte sie in den Hörer.
Schmunzelnd beobachtete ich, wie sie bei dem Wort Polizeibeamter respektvoll zu mir hochsah. Was so eine Uniform alles ausmachte. Wäre ich in Zivil anwesend, würde sie sicherlich nur halb so entgegenkommend sein!
„Er kommt gleich runter!“, sprach sie und schenkte mir ein herausforderndes Lächeln.
Mit der Hand fuhr sie sich durch ihr langes blondes Haar und setzte sich gerade hin. Ihre zwei herausragensten Attribute drohten die enge Bluse zu sprengen, doch ich ignorierte diese unmissverständliche Einladung.
Natürlich fühlte ich mich geschmeichelt, aber was Beziehungen anging, war ich absolut treu und kein Doppel-D Körbchen der Welt, brächte mich dazu Renée zu betrügen.
Erleichtert sah ich Carlisle auf mich zueilen.
„Charlie, schön dich zu sehen. Was kann ich für dich tun?“
„Nicht hier, Carlisle. Können wir irgendwo ungestört reden?“
„Lass uns in mein Büro gehen. Anna “, wandte er sich an die Blonde,“ bitte sorgen Sie dafür, dass wir in der nächsten halben Stunde nicht unterbrochen werden.“
„Aber natürlich Dr. Cullen“ flötete sie, “ ich werde niemanden zu Ihnen durchstellen.“
Wir verließen den Eingangsbereich und betraten den Fahrstuhl. Ein paar Patienten starrten mich und Carlisle an, wagten es aber nicht uns anzusprechen.
Mit einem leisen Summen öffnete sich die Fahrstuhltür und wir betraten einen von Neonlicht erhellten Gang. Mit energischen Schritten ging Carlisle voraus und ich folgte ihm rasch. Am Ende des langen Flurs öffnete er eine Tür und wir standen in einem elegant eingerichten Büro. Hunderte Bücher in einem Wandregal fielen sofort ins Auge, alles medizinische Literatur, mit der ich nichts anfangen konnte. Der Schreibtisch am Fenster war ordentlich aufgeräumt und nur die Patientenakten darauf bewiesen, dass hier gearbeitet wurde.
„Setz dich doch, “ meinte Carlisle und deutete mit der Hand auf einen Stuhl der neben dem Tisch stand.
Ich tat wie geheißen und wartete darauf, dass auch Carlisle sich niederließ.
Neugierig blickte er mich an.
„Es geht um diese Tanya Denali!“, fing ich an, “ Das Blut, mit dem die Nachricht geschrieben wurde, ist menschlichen Ursprungs."
Veständnislos schüttelte er den Kopf.
„Was für Blut und was für eine Nachricht?“, fragte er verblüfft.
Nun war es an mir erstaunt zu sein. Edward erzählte Carlisle nichts von dem Steinwurf und den blutigen Zeilen.
Schnell setzte ich ihn in Kenntnis und er wurde immer trauriger.
„Ich kann es Edward nicht verdenken, dass er kein Vertrauen in mich hat, “ flüsterte er unglücklich, “ er fühlt sich verraten und das zu Recht. Jahrelang haben wir ihm etwas vorgemacht und ihn belogen. Das wird er mir nie verzeihen.“
„Du weißt ja, dass ich auf Edward nicht gut zu sprechen bin, aber es war schon dreist von euch zu glauben, dass diese Geschichte keine Folgen haben würde. Nur leider ist jetzt meine Tochter die Leidtragende und ich erwarte deine volle Unterstützung bei der Aufklärung. Ich habe hier das Ergebnis der Blutuntersuchung mit der DNA- Struktur. Ich möchte, dass du es mit der DNA von Elizabeth Baby vergleichst. Ich bin sicher dass es ein und dieselbe ist.“
„Du weißt, dass ich das eigentlich nicht darf?“, unterbrach er mich.
„Es ist mir egal, ob du das darfst oder nicht. Ich will keine offizielle Untersuchung und es muss auch unter uns bleiben. Später, wenn wir mehr Informationen haben, werde ich einen Gerichtsbeschluss beantragen, um die Proben ganz legal vergleichen zu können. Aber jetzt brauche ich die Gewissheit, dass uns das nicht in eine Sackgasse führt.“
Carlisle seufzte schwer und rieb sich müde übers Gesicht.
„Ich werde es machen! Das bin ich Edward schuldig. Hast du die Schriftstücke vom Labor dabei?“
Wortlos reichte ich ihm den Umschlag mit den Testergebnissen. Er nahm diesen entgegen und stand auf.
„Es wird eine Weile dauern bis das endgültige Ergebnis feststeht.“
Nickend machte ich es mir auf dem Stuhl gemütlich.
„Ich habe Zeit!“, brummte ich, “ Kann ich deinen Computer benutzen?“
„Sicher!“
Carlisle kehrte mir den Rücken und machte sich auf den Weg.
Ich suchte per Internet die Anschrift des Waisenhauses, in das Tanya als Baby gebracht wurde. Schnell wurde ich fündig und notierte mir die Adresse in mein Notizbuch.
Dieses Waisenhaus war mein nächstes Ziel. Schritt für Schritt würde ich mich an diese Schlange herantasten und ihre Vergangenheit aufdecken, koste es was es wolle.
Ich hegte die unrealistische Hoffnung etwas über die Familie erfahren zu können, die das Kind damals adoptierte. Doch die Nonnen im St. Quentins Waisenhaus waren eine harte Nuss und hielten sich nicht nur an Gottes Gebote, sondern auch an die der Menschen. Es bräuchte schon ein himmlisches Wunder, damit sie mir die Adresse aushändigten und an ein solches glaubte ich nun wirklich nicht.
Rastlos schlich ich durch den Raum und besah mir genauestens Carlisles dicke Bücher, die nicht ein Fitzelchen Staub bedeckte. Alles in diesem Raum war perfekt, so wie der Mann, der hier tagtäglich seiner Arbeit nachging. Doch diese Perfektion war ein Trugbild! Auch er hatte eine Leiche im Keller und die Folgen seines Egoismus, beeinträchtigten und gefährdeten das Leben meiner Tochter und meines Enkels.
Edward war mir ziemlich egal. Doch Bella liebte den Kerl nunmal und das akzeptierte ich zähneknirschend. Ihr Glück lag mir zu sehr am Herzen, als dass ich ihr die Rückkehr zu diesem Windhund vorwarf.
Renée dagegen verzieh ihm recht schnell, auch wenn sie sich in meiner Anwesenheit zurückhielt. Sie war nun mal eine hoffnungslose Romantikerin und sah in Bella und Edward die Verkörperung des perfekten Paares.
Auf meine Frage hin, warum er so dämlich war, wusste sie allerdings auch keine zufriedenstellende Antwort.
Nach weiteren fünf Minuten, die ich völlig nutzlos hier verbrachte, entschloss ich mich dazu, nicht auf das Ergebnis des DNA-Vergleichs zu warten. Es machte mich wahnsinnig tatenlos rumzusitzen. Carlisle besaß ein Telefon und konnte mich anrufen.
Entschlossen, Tanyas Geheimnis auf die Spur zu kommen, machte ich mich auf den Weg ins St. Quentins Waisenhaus. Bevor ich das Krankenhaus verließ, lehnte ich mich an der Info über den Tresen und lächelte die vollbusige Blondine charmant an.
„Würden Sie mir einen Gefallen tun, Miss?“
Sie lächelte strahlend und präsentierte mir eine Reihe weißer, blitzender Zähne.
„Aber natürlich!“, hauchte sie, “ Was immer Se wollen, Officer!“
„Sagen Sie Dr. Cullen, er soll mich anrufen, wenn er fertig ist.“
Ich tippte kurz zum Abschied auf meinen Hut und verschwand Richtung Ausgang.
Bald schon stand ich vor St. Quentins und besah mir das alte Backsteingemäuer. Hohe Eisengitter trennten das Anwesen von der Straße und ließen das Haus wie ein verwunschenes Schloss wirken. Die Kletterpflanzen, die an der Hauswand entlang wuchsen, verstärkten diesen Eindruck noch.
Das Tor quietschte beim Öffnen ohrenbetäubend und es schüttelte mich am ganzen Körper. Es hörte sich an, als würde man einen rostigen Nagel langsam über eine Tafel ziehen.
Nach ein paar Schritten gelangte ich in den Eingangsbereich und betrat das Haus.
Auf den ersten Blick wirkte es wie eine Hotelrezeption. Auch hier stand ein Tresen und die junge Nonne dahinter, blickte mir freundlich entgegen.
„Gott segne Sie, Officer! Was kann ich für Sie tun!“
Prompt bekam ich das Gefühl, mich bekreuzigen zu müssen und drehte etwas unsicher den Hut zwischen den Händen hin und her.
„Ich würde gerne mit jemandem sprechen, der hier die Verantwortung trägt. Ich habe ein paar wichtige Fragen“, meinte ich nur.
Die junge Nonne lief um den Tresen herum und bedeutete mir mit einer knappen Handbewegung ihr zu folgen.
Die Absätze meiner Schuhe machten kein Geräusch auf dem grauen Linoleumboden, auch sonst war kaum ein Laut zu hören. Wo waren die ganzen Kinder?
„Sie sind alle beim Gottesdienst“, lächelte das Mädchen.
„Woher….?“ Fragte ich verdutzt und wurde von ihr unterbrochen.
„Ihr Gesichtsausdruck sagt mehr als Worte. Immerhin sind wir ein Waisenhaus und es ist doch ganz natürlich, wenn Sie sich über fehlendes Kindergeschrei wundern.“
Verblüfft über ihren Scharfsinn folgte ich ihr in ein Büro. Es wirkte modern, hell und freundlich, wie das komplette Innere des Gebäudes. Dieses Haus wurde sehr gut geführt. Man merkte es an der sauberen, heiteren Umgebung. Es besaß nichts von der Tristheit so manch anderer Waisenhäuser.
„Bitte setzten Sie sich. Ich werde Schwester Mary Agnes über Ihr Eintreffen informieren. Sie wird sicher in ein paar Minuten zu Ihnen stoßen.“
Schnell huschte diese zierliche Person aus dem Zimmer und überließ mich mir selbst.
Der Raum war riesengroß und außer dem Schreibtisch und dem Bücherregal, weckten die großen grauen Aktenschränke mein Interesse.
Dort mussten sämtliche Daten aller Kinder enthalten sein. Da es immer nur eine begrenzte Anzahl von Kindern gab, die hier lebten, war die Menge der Akten sehr übersichtlich.
Vorsichtig schlich ich mich an die Tür und spähte hinaus. Es war niemand zu sehen und ich ließ die Tür einen spaltbreit offen, um eine eventuelle Störung sofort zu bemerken.
Danach schlich ich mich an die Schränke und öffnete auf gut Glück den Ersten.
Großartig, dachte ich!
Die Akten waren nach Jahreszahlen sortiert. Schnell erreichte ich Tanyas Geburtsjahr und schaute die Unterlagen durch. Nach und nach kontrollierte ich jede Akte, bis mein Blick auf einen Namen fiel. Elizabeth Masen!
Endlich! Ich betete, dass sich Schwester Mary Agnes noch etwas Zeit lassen würde.
Ich klappte die Akte auf und las die ersten Worte. Bingo!
Name der Mutter: Elizabeth Masen
Name des Kindes: unbekannt
Name der Adoptiveltern: Hogan
Wohnort: Maryville
Ein Geräusch unterbrach mich und schnell ließ ich die Akte wieder im Schrank verschwinden, zog die Schiebetür zu und setzte mich flink auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
Eine eindrucksvolle, ältere Nonne betrat das Büro und ich fühlte mich sofort an meine Schulzeit erinnert, als Schwester Theodora mir nach meinen Streichen die Ohren langzog.
„Guten Tag Officer, ich heiße Sie willkommen in unserem Haus. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen“, fragte sie freundlich.
Was sollte ich ihr erzählen? Die Wahrheit?
Sie durfte mir ohnehin keine Details verraten, doch bei dem Gedanken eine Nonne zu belügen, packte mich das kalte Grausen. Besonders gläubig war ich zwar nicht, aber das ging selbst mir zu weit.
„Schwester Mary Agnes. Ich suche eine junge Frau, die vor vielen Jahren hier zur Adoption freigegeben wurde. Die Mutter des Kindes war Elizabeth Masen.“
Die Nonne versank in der Erinnerung, während sie zu mir sprach.
„Oh ja, ich erinnere mich noch genau an sie“, lächelte sie mild, “Elizabeth war eine der schönsten Frauen, die Gott je geschaffen hat und ihre Seele stand dem in nichts nach.“
Sie schwieg kurz und fuhr betrübt fort.
„Sie war so unglücklich, als sie hochschwanger zu uns kam. Sie hatte kein Geld und keine Unterkunft mehr. Ich erinnere mich deshalb so gut an sie, weil sie das kleine Mädchen hier zur Welt gebracht hat. Sowas kommt nicht oft vor, müssen Sie wissen.“
Ich nickte bestätigend, ungeduldig auf ihre nächsten Worte wartend.
„Wie gesagt! Sie bekam das Kind hier und bat uns ein gutes Heim für ihr Töchterchen zu finden. Sie selbst war nicht in der Lage angemessen für das Kind zu sorgen. Damals gab es noch keine Hilfen seitens des Staates und so blieb diesen armen Frauen oft nichts anderes übrig, als ihre Kinder in unsere Hände zu geben.“
„Was geschah dann?“, wollte ich wissen.
Ich hoffte, dass sie vor lauter Sentimentalität einen Fehler beging und mir mehr erzählte, als erlaubt.
„Ich weiß nicht genau, was danach passierte. Sie wollte Amerika den Rücken kehren, um in Europa neu anzufangen. Die wirtschaftlichen Beziehungen mit Amerika boomten dort und sie hatte die Hoffnung irgendwo als Übersetzerin unterzukommen. Sie sprach fließend Französisch, Spanisch und Deutsch. Ihre Chancen dort eine Arbeit zu bekommen, standen nicht schlecht, aber auch nicht so gut, dass sie es riskiert hätte ihr Kind mitzunehmen. Was, wenn sie gescheitert wäre? Sie wollte, dass ihr Baby die Chance bekam in einer richtigen Familie aufzuwachsen und stimmte einem Adoptionsantrag zu.“
„Und wer hat das Kind dann bekommen?“ fragte ich hinterhältig.
„Aber, aber, Officer!“, tadelte sie mich,“ Sie wissen doch ganz genau, dass ich Ihnen das nicht sagen darf!“
Verdammt, fluchte ich innerlich.
Die Sache wäre wesentlich einfacher geworden, wenn ich mehr als nur den Nachnamen wüsste. Doch diese Information war zumindest etwas, worauf man aufbauen konnte.
„Nun, dann erübrigt sich mein Besuch ja schon. Ich hoffte, etwas über die Lebensumstände dieser Frau zu erfahren, aber ich muss wohl andere Wege gehen.“
„Sie bräuchten doch nur einen gerichtlichen Antrag auf Freigabe der Akte stellen“, informierte sie mich unnötigerweise.
„Ich weiß, dass das möglich ist, aber Sie wissen auch, es dauert Monate, bis über den Antrag entschieden wird. Soviel Zeit habe ich leider nicht.“
"Es tut mir leid, Ihnen nicht weitergeholfen zu haben. Aber auch wir Nonnen müssen uns an die weltlichen Gesetze halten.“
Sie erhob sich und streckte mir die Hand zum Abschied entgegen.
Fest drückte ich sie und verabschiedete mich respektvoll.
Im Wagen notierte ich mir sofort den Namen und den Wohnort.
Mein Handy klingelte, während ich den Wagen startete und erschrocken würgte ich den Motor ab.
Es war Carlisle.
„Charlie, gut dass ich dich erreiche!“
„Was kam beim Vergleich heraus?“, fragte ich kurzangebunden.
„Das Blut ist identisch. Die Person die den Brief geschrieben hat, ist definitiv Elizabeth Tochter.“
„Danke, Carlisle. Ich werde Edward darüber informieren. Ich melde mich bei dir wenn ich noch Fragen habe.“
„Charlie, kannst du mir einen Gefallen tun und Edward nochmals sagen , wie leid es mit tut.“
„Das sollte es auch Carlisle. Du hast mit deinem Verhalten das Leben einer wundervollen jungen Frau ruiniert. Ich denke nicht, dass sie es jemals überwand, gleich zwei Kinder durch deine Schuld verloren zu haben.“
„Ich weiß“, flüsterte er gebrochen. Nichts war mehr übrig von dem schillernden und begnadeten Arzt. Seine Schuldgefühle zerfraßen ihn regelrecht und er tat mir leid.
„Ich werde ein gutes Wort für dich einlegen, “ seufzte ich, “ aber versprich dir nicht allzu viel davon. Es wird ewig dauern, bis er dir das verziehen hat.“
Er bedankte sich und brach das Gespräch ab.
Eilig tippte ich Bellas Nummer ein. Mein ehemaliger Schwiegersohn meldete sich in ziemlich unfreundlichem Ton.
„Cullen!“, zischte er in den Hörer.
„Immer mit der Ruhe, Junge! Ich bin es nur“, grinste ich.
Ich hörte wie er den Lautsprecher des Telefons betätigte.
„Kinder, ich habe das Ergebnis der Blutuntersuchung!“
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