Ich horchte, ob sich jemand melden würde, als plötzlich eine Frauenstimme anfing zu singen. http://www.youtube.com/watch?v=nUJN3KznBRE&feature=related
Zitternd hörte ich zu, fasziniert und abgestoßen zugleich von den lieblichen Klängen dieser weiblichen Stimme. Es handelte sich hier eindeutig um Tanya…nein, Rebecca. Sie sang ein Schlaflied für meinen Sohn, der noch nicht mal den Mutterleib verlassen hatte. Wie krank musste diese Frau sein und wieso tat sie das? Rebeccas Stimme war glockenhell und rein, der komplette Gegensatz zu ihrer rabenschwarzen Seele. Die Worte flossen aus ihrem Mund, im Hintergrund ließ sie ein Band mit instrumentalen Elementen laufen, um ihrem Gesang noch mehr Ausdruck zu verleihen. Doch auch ohne dies, wäre dieser Anruf dramatisch genug.
Verwundert starrte ich auf den Hörer, der in meiner Hand vibrierte und merkte, dass ich es war, die so bebte. Angst erfüllte mich. Trotzdem war ich nicht im Stande aufzulegen und hörte weiterhin wie hypnotisiert zu, wie sie mein Baby in den Schlaf sang. Joshua strampelte vor dem Anruf wie wild in meinem Bauch, wahrscheinlich aufgeschreckt durch meine nächtliche Fressattacke. Jetzt, wie durch ein Wunder wurde es in meinem Bauch ganz ruhig, als würde ihn Rebeccas Gesang tatsächlich in den Schlaf wiegen. Das Herz klopfte mir bis zum Hals, als mir das klar wurde.
Es schien fast, als würde sie Kontakt aufnehmen und sich mit Joshua bekanntmachen, ihn an ihre Stimme gewöhnen. Wollte sie mir mein Kind nehmen, als Ersatz für ihr eigenes, das ihr damals von dem verrückten Priester genommen wurde? Es deutete alles daraufhin. Plötzlich wurde mir eines bewusst. Sie wollte diesem Kind nicht schaden. Das Taufkleid war keine Drohung, es war ein Geschenk. Dieses Lied für mein Kind wurde voller Liebe und Sehnsucht gesungen, als wolle sie ihm durch die Leitung eines Telefons Geborgenheit vermitteln. Und es funktionierte tatsächlich. Mein Kind hörte auf sich zu bewegen, nur noch ein leises Glucksen war noch zu spüren. Grenzenloses Mitleid durchfuhr mich für sie, bei den wehmütigen Worten, die sie wohl gerne für ihr eigenes Kind gesungen hätte. Doch dies wurde ihr für alle Zeiten verwehrt, weil man ihr eigen Fleisch und Blut noch im Mutterleib tötete.
Doch so sehr mir ihr Schicksal leid tat, brannte der Hass auf sie, mit derselben Heftigkeit, wenn ich an Peter und Edward dachte. Der Gesang verklang und es herrschte Stille, nur ein sanftes atmen war zu hören.
„Rebecca?“, fragte ich leise.
„Oh, du kennst also ihren richtigen Namen!“, sagte sie und lachte amüsiert, „Ich habe dich wirklich unterschätzt Bella! So wie es aussieht, seid ihr ja über unseren Zustand informiert und wir brauchen keine Geheimnisse mehr zu haben."
„Unseren“ Zustand, wie sie das sagte, klang es unheimlich. Es war für mich schwer vorstellbar, dass mehrere Personen sich denselben Körper teilten. Es jetzt von ihr selbst bestätigt zu bekommen, war unheimlich. Grotesk, war auch der Umstand, dass ich mich hier seelenruhig mit ihr unterhielt, obwohl Edward im Gefängnis saß und Peter im Krankenhaus um sein Leben rang.
„Du sagst ja gar nichts mehr“, meinte Rebecca beleidigt.
„Ich…ich…bin nur so…so überrascht, entschuldige bitte!“, antwortete ich rasch.
Sie durfte auf keinen Fall auflegen! Vielleicht konnte ich sie irgendwie aus der Reserve locken oder sogar die echte Rebecca zum Vorschein bringen. Wenn mir das gelang, dann würde sie eventuell aufgeben und sich der Polizei stellen. Der Hausmeister sagte ja, dass Rebecca ein sehr freundlicher und engelsgleicher Mensch war, der niemandem schaden wollte.
„Nun gut! Ich will mal nicht so sein. Hattest du einen schönen Tag?“
Das war jetzt nicht ihr ernst!
„Nicht wirklich“, begann ich vorsichtig, „ ich habe Edward im Gefängnis besuchen müssen und Peter im Krankenhaus. Du weißt doch warum?“
Wieder ein glockenhelles Lachen.
„Oh Bella, ich weiß, dass du ein Band laufen lässt. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich irgendwas Belastendes sagen werde. Für wie dumm hältst du mich eigentlich?“
Verdammt, woher wusste sie das denn schon wieder? Das Band schaltete automatisch ein, wenn es klingelte und war absolut lautlos. Sie konnte es unmöglich hören.
„Ich glaube, es wird Zeit dass ich mich dir vorstelle. Mein Name ist Cassandra. Wir sollten schon bei den richtigen Namen bleiben, findest du nicht? Es ist frustrierend immer mit dem Namen dieser schwachen Person angesprochen zu werden. Pah, sie konnte sich nie gegen irgendjemanden wehren, dafür musste ich erst kommen und ich denke nicht daran, wieder zu verschwinden.“
Ich schluckte und griff den Hörer fester.
„Seid ihr beide allein?“, wollte ich wissen.
Ich musste es ausnutzen, wenn Rebecca/Cassandra so redselig war. Je mehr Informationen sie preisgab, desto besser. Jede Kleinigkeit war wichtig im Kampf gegen diese Psychopatin.
„Es gibt nur mich und Becca!“, bestätigte sie genüsslich, „ Aber eigentlich gibt es nur noch mich. Sie taucht nur noch sporadisch auf und macht dann Ärger. Das passiert aber jedoch höchst selten. Du wirst sie jedenfalls nie kennenlernen, wenn du darauf hoffst. Sie wird dir auch nicht helfen können.“
„Was willst du?“, fragte ich jetzt ohne Umschweife.
„Was will ich wohl haben? Ich will das, was mir genommen wurde. Ich bin dir dankbar, dass du mein Kind austrägst Bella, denn ich kann leider keine mehr bekommen. Er wird es gut bei mir haben!“
„Nein!“, rief ich, „Oh Gott, nein! Du kannst ihn nicht haben. Es ist mein Baby, hörst du! Meins! Niemals werde ich zulassen, dass du ihn kriegst.“
Sie lachte wieder, doch diesmal war es ein boshaftes Lachen, gnadenlos.
„Du kannst es nicht verhindern! Edward kann dir momentan nicht helfen. Es wird noch Wochen dauern, bis seine Anhörung stattfindet und vorher gibt es auch keine Kautionsverhandlung. Es ist wirklich praktisch, dass die Gerichte so gnadenlos überlastet sind. Selbst wenn sie seinen Fall eher verhandeln, wird es noch dauern und dein geliebter Jake ist auch kein Hindernis für mich. Wehr dich nicht dagegen und gib mir, was mir zusteht.“
„Du bist verrückt! Du bist wirklich verrückt!“, wisperte ich fassungslos.
„Das ist Ansichtssache, meine Liebe. Alles eine Frage der Definition. Ich kann warten und wenn es soweit ist, wirst du es nicht verhindern können, dass ich mir hole, was ich haben möchte. Schlaf gut, kleine Bella. Bald schon ist es soweit und ich habe mein Ziel erreicht. Du brauchst mich auch nicht suchen, denn du wirst mich niemals finden.“
Sie legte auf und ich zitterte wie Espenlaub.
„Jake!“, schrie ich aus Leibeskräften, „Jake!“
Er schoss die Treppe runter, eine Waffe in der Hand und sah mich weinend den Telefonhörer umklammern. Er sah, dass keine unmittelbare Gefahr drohte, legte die Waffe nieder und nahm mir sanft den Hörer ab, um ihn wieder auf die Station zu legen. Vorsichtig bettete er meinen Kopf an seine Brust und hielt mich umfangen, strich mir tröstend übers Haar und wartete darauf, dass ich mich genügend fing, um seine Fragen zu beantworten. Zitternd atmete ich ein und löste mich von ihm.
„Das war Tanya, Rebecca oder auch Cassandra, nenn sie wie du willst!“, sagte ich unnötigerweise, denn meine Reaktion allein, verriet ihm schon, wer der nächtliche Anrufer war.
„Sie hat wirklich mit dir gesprochen?“, fragte er ungläubig.
Ich nickte bestätigend und drückte auf den Wiedergabeknopf des Aufnahmegerätes. Er hörte sich alles an und schaltete kopfschüttelnd aus.
„Die ist ja noch irrer, als ich dachte. Sie kann dir nichts tun, Bella! Es sind leere Drohungen. Selbst ihre Macht hat Grenzen und sie kann den weiteren Verlauf nicht mehr beeinflussen. Es ist jetzt wichtig, dass du die Nerven behältst und dich schonst, damit das Kind zum errechneten Geburtstermin kommt. Es dauert ja nicht mehr lange und es ist soweit. Um diese Verrückte, kümmere ich mich.“
„Das sagst du so einfach! Ich werde kein Auge mehr zumachen, bis Edward wieder bei mir ist. Sie werden ihn doch freilassen?“
„Natürlich!“, bestätigte er überzeugt, „Sie ist sehr clever und wusste genau, dass der Zeitpunkt günstig für sie ist. Die Gerichte haben akuten Rückstand in ihren Verhandlungen und niemand weiß das besser als sie. Selbst die Anhörungen ziehen sich ewig hin, aber dieser James wird es schon deichseln, dass es nicht allzu lange dauert. Dann kannst du deinen Edward bald wieder in die Arme schließen.“
Zaudernd nickte ich und sah ihn traurig an. Schließlich deutete ich auf das Band, welches sich noch im Tonbandgerät befand.
„Was machen wir damit? Glaubst du, man kann irgendwas damit anfanfangen?“
„Ich werde das Band nehmen und es zur Polizei bringen. Sie hat zwar nichts direkt zugegeben, aber es wird reichen, um zumindest Anzeige wegen Belästigung zu erstatten.“
„Aber sie hat doch gesagt ,sie will mein Kind? Reicht das nicht, um sie zu verhaften?“
„Bis jetzt sind es nur Worte und die Polizei kann sie dafür nicht verhaften, aber es ist wichtig, dass es protokolliert wird. Außerdem hat sie nicht gesagt, dass sie das Kind entführen will, sondern nur, dass sie es haben will. Das erfüllt den Straftatbestand noch nicht und man kann sie dafür, dass sie einen Wunsch geäußert hat, nicht belangen. Das amerikanische Rechtsystem reagiert wie überall auf der Welt, erst, wenn es schon zu spät ist und das Verbrechen schon geschehen ist. Wir lassen es aber gar nicht soweit kommen. Wir finden einen anderen Weg, um sie zur Strecke zu bringen. So, jetzt gehst du aber schlafen. Ich schnappe mir die Matratze und campiere vor deiner Türe, damit du dich absolut sicher fühlen kannst.“
„Oh Jake, das ist nicht notwendig. Bleib in deinem Bett, es reicht mir schon, wenn ich weiß, dass du da bist.“
Ich legte mich wieder ins Bett und entgegen aller Erwartungen schlief ich tatsächlich ein. Das Gespräch mit ihr, wühlte mich emotional völlig auf, sodass ich erschöpft die Augen schloss und traumlos schlief.
Am nächsten Tag begleitete ich Jake zur Polizei und erstattete Anzeige. Wie erwartet, würde diese Anzeige im Sande verlaufen, da ja noch nichts passiert war. Doch Jake hatte Recht! Es war wichtig alles festzuhalten, damit wir so viel wie möglich gegen sie in der Hand hielten.
Jetzt stand noch ein Treffen mit James an. Es passte mir nicht wirklich, dass er Edward als Anwalt vertreten sollte, doch da Peter ja auch ausfiel und Edward ihm, was seine beruflichen Fähigkeiten anging, voll zu vertrauen schien, konnte ich dem nichts mehr entgegensetzen.
Er wartete im Gerichtsgebäude auf mich, um mich über seine nächsten Schritte zu informieren. James erhob sich von seinem Stuhl, als ich eintraf und schüttelte mir die Hand.
„Bella, ich wünschte wir hätten uns bei einem schöneren Anlass wiedergesehen.“
„Ich auch!“
Ich setzte mich und sah ihn abwartend an. Auch wenn ich, Victoria zuliebe, einen oberflächlichen Frieden mit ihm geschlossen hatte, so war ich immer noch vorsichtig, wenn es um James ging. Inständig hoffte ich, dass er sich wirklich so sehr veränderte, wie es den Anschein erweckte und dass er in der Lage war, Edward so schnell wie möglich aus dem Gefängnis zu holen.
„Also, dann setz ich dich mal auf den aktuellsten Stand. Edward wird bis zur geplanten Anhörung weiterhin in Untersuchungshaft bleiben. Eine vorzeitige Entlassung ist nicht möglich, da bei dieser Gelegenheit auch die Kaution verhandelt wird. Ich bin jedoch der Ansicht, dass wir uns die Kaution sparen können, da er danach sowieso freikommt. Die Anschuldigungen gegen Edward sind völlig haltlos und auch nicht zu beweisen. Die Tatwaffe, mit der auf Peter geschossen wurde, ist nicht aufzufinden und da die Schüsse nur wenige Minuten vor seinem Eintreffen fielen, kann er die Waffe gar nicht so schnell losgeworden sein. Das war mal Punkt eins.“
Er holte tief Luft und fuhr fort.
„Punkt zwei: Peters Nachbarn wurden einer nach dem anderen befragt. Keiner hat etwas mitbekommen, was darauf schließen lässt, dass die Waffe mit einem Schalldämpfer ausgestattet war. Einige von ihnen befanden sich zum Zeitpunkt des Anschlags in ihren Wohnungen, als die Schüsse fielen. Was uns zum nächsten Punkt bringt. Tanya… entschuldige, Rebecca, hat einen Riesenfehler begangen. Sie hat die Polizei telefonisch informiert, anonym natürlich, dass sie einen Streit hörte und daraufhin Schüsse fielen. Das hat sie merkwürdigerweise nicht bedacht, was mich doch sehr wundert. Sie ist längst nicht so perfekt und unfehlbar, wie sie denkt und das beruhigt mich ungemein. Es fehlt der Polizei nur noch ein einziger Zeuge, der aber auf Geschäftsreise ist. Sobald er da ist, wird er vorgeladen und muss bei der Polizei seine Aussage machen.“
Wieder eine kurze Pause.
„Punkt drei: Ich habe darauf bestanden, dass die Spurensicherung die Wohnung nach Hinweisen durchforstet und auf eventuelle DNA-Spuren untersucht, die nicht Peter zuzuordnen sind. Ich bin sicher, dass sie etwas finden werden, das Rebecca belasten wird. Sie wird unvorsichtig! Es ist zwar untypisch für sie, aber nur zu unserem Vorteil.“
Beeindruckt sah ich James an. Er schien ein völlig neuer Mensch zu sein und ich zweifelte nun seine beruflichen Fähigkeiten in keinster Weise mehr an. Die Beziehung zu Victoria schien ihm enorm gutzutun und er wirkte viel freundlicher und aufgeschlossener, als früher. Selbst sein ehemals kalter Blick war etwas weicher geworden und er wirkte einfach wie ein ganz normaler, attraktiver Mann, der mitten im Leben stand. Die Liebe bewirkte manchmal die unglaublichsten Veränderungen in einem Menschen. Bei James war es definitiv der Fall!
„Das ist alles beruhigend zu hören, James. Ich danke Ihnen, dass Sie Edwards Verteidigung übernommen haben.“
„Es war mir ein Bedürfnis ihm zu helfen, um den Schaden, den ich durch mein Verhalten verursacht habe, einigermaßen wieder gutzumachen. Ich weiß, wessen ich mich schuldig gemacht habe und werde alles daransetzten diesen Fehler zu korrigieren, indem ich Rebecca vor Gericht bringe. Sie ist gefährlich, das wusste ich damals schon, aber dass sie schon so viele Menschen auf dem Gewissen hat, lässt mich schaudern. Ich habe auch Nachforschungen über die echte Tanya Denali in die Wege geleitet. Diese arme Frau ist ebenfalls nicht eines natürlichen Todes gestorben, sondern erlag nach einem schweren Autounfall ihren Verletzungen. Wenn sie da nicht auch ihre Finger im Spiel hatte, fresse ich einen Besen.“
Das Entsetzen stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, als mir ein weiteres Mal vor Augen geführt wurde, mit was für einer gefährlichen Person wir es hier zu tun hatten. James stand auf und hielt mir die Hand hin, um mir aufzuhelfen.
„Ich denke es wäre gut, wenn wir jetzt gehen. Ich muss noch mit dem zuständigen Staatsanwalt sprechen, um eine Vorverlegung der Verhandlung zu erbitten. Nach dem jetzigen Stand würde die Anhörung erst in sechs bis sieben Wochen stattfinden, aber in Anbetracht der Umstände“, meinte er und deutete auf meinen gewölbten Bauch, „ ist es gut möglich, dass wir einen früheren Termin bekommen können. Seine Kollegen haben selbst das größte Interesse daran, diese Sache so schnell wie möglich, über die Bühne zu bringen. Schließlich gerät hier auch die komplette Staatsanwaltschaft in Verruf, wenn ein neuer Kollege des versuchten Mordes bezichtigt wird. Glauben Sie mir, Bella. Edward wird schneller draußen sein, als Sie denken.“
„Das hoffe ich sehr. Wenn dieser Alptraum nur schon vorbei wäre!“
Ich schüttelte ihm zum Abschied die Hand und verblieb mit ihm, dass er mich sofort über sein Gespräch mit dem Oberstaatsanwalt Larry Robinson unterrichten würde. Wieder bei Jake, machten wir uns auf den Weg zum Gynäkologen, damit man mich untersuchen konnte. Morgens verspürte ich schon ein leichtes zusammenziehen im Unterleib, was mich zwar nicht sonderlich beunruhigte, da vorzeitige Kontraktionen normal waren, aber ich wollte kein Risiko eingehen.
Meine letzte Untersuchung war schon etwas her, da sie durch den Einbruch in Dr.Webbers Praxis verschoben wurde und es war jetzt allerhöchste Zeit, diese nachzuholen. Jake war genau wie Edward sehr verlegen, wegen den Blicken die ihm zugeworfen wurden. Er war zwar in meinen Augen längst nicht so attraktiv wie Edward, aber er war schon ein beeindruckender Mann. Leah würde ausrasten, wenn sie mitbekäme, wie sämtliche Damen im Warteraum, die nicht schwanger waren, ihm eindeutige Blicke zuwarfen, die er gekonnt ignorierte.
Die Untersuchung verlief schnell und unspektakulär, da alles in bester Ordnung war. Er verschrieb mir aber eine höhere Dosis Magnesium gegen die Kontraktionen und entließ mich mit den besten Wünschen und der Bitte, jetzt wöchentlich zur Untersuchung zu kommen. Der Termin wäre zwar erst in knapp sechs Wochen, doch das Kind war ja eigentlich „fertig“ und könnte theoretisch jederzeit auf die Welt kommen. Es musste ja nur noch etwas wachsen und an Gewicht zulegen, welches jetzt zweieinhalb Kilo betrug, auf 48 cm verteilt war.
Wieder besser gelaunt, verließ ich mit Jake die Praxis und machte mich auf den Weg ins Krankenhaus zu Peter. Ich besorgte noch allerlei Sachen für Shelley und machte einen kurzen Stop in ihrer Wohnung, um ihr Kleidung zum Wechseln und ihre Toilettenartikel mitzubringen. Sie hatte sich seit Peters Einlieferung nicht mehr von seiner Seite bewegt und schlief sogar dort. Sie sorgte sich fürchterlich um ihn und war ganz verzweifelt bei der Vorstellung, er könnte aus seinem Koma nicht mehr aufwachen.
Während Jake es sich auf einem Stuhl vor der Intensivstation bequem machte und seine langen Beine ausstreckte, ging ich hinein um nach Peter und Shelley zu sehen. Sein Zustand war unverändert und Shelley wirkte unglaublich müde.
„Shelley!“, sagte ich leicht vorwurfsvoll, „Du musst unbedingt mal schlafen! Es bringt doch nichts, wenn du vor Erschöpfung zusammenbrichst, damit hilfst du ihm in keinster Weise.“
Sie seufzte schwer und fuhr sich mit der Hand über das ungeschminkte Gesicht. Sie hatte sich unbezahlt beurlauben lassen, für unbestimmte Zeit, um ständig an seinem Krankenbett wachen zu können und um seine Pflege übernehmen. Leider vernachlässigte sie ihre eigene Gesundheit dabei. Ich beschloss sie eine Weile abzulösen, da ich heute sowieso nicht zu Edward durfte, wie James mir noch mitteilte. Da ich erst morgen wieder zu ihm konnte, wollte ich mich nützlich machen und sie ablösen, damit die Gute zu etwas Schlaf kam.
„Shelley!“, sagte ich energisch und zog sie am Arm hoch, „ Du gehst jetzt was essen und schläfst dich dann aus. Ich werde solange hierbleiben. Falls sich eine Änderung seines Zustands ergibt, lasse ich dich sofort holen, okay!“
Sie lächelte mich müde an.
„Na gut, du hast schon recht. Ich muss dringend schlafen und eine Dusche brauche ich auch. Er soll schließlich keiner Vogelscheuche ins Gesicht blicken, wenn er wieder aufwacht. Du musst mit ihm reden, wenn du hier bist. Es kann durchaus sein, dass er dich hören kann. Ich mach mich dann mal vom Acker und geh schlafen. “
„So gefällst du mir besser“, meinte ich zufrieden und sah ihr hinterher, als sie das Zimmer verließ, nicht ohne ihm vorher noch einen zärtlichen Kuss auf die blassen Lippen zu drücken. Ich sah zu Peter und rückte meinen Stuhl ganz nah an das Bett heran. Vorsichtig nahm ich seine Hand in meine und fing an, ihm von meinem Tag zu erzählen.
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