Bellas PoV
„Hast du alles?“, rief mir Edward aus dem Bad zu.
„Bin grad fertig“, antwortete ich und schloss den Reißverschluss der Reisetasche.
Edward und ich würden in wenigen Minuten Bainbridge Island in Richtung Festland verlassen, um uns wieder der Realität zu stellen.
Diese Tage hier waren genau die richtige Abwechslung, um diesen Horror, den Tanya ausgelöst hatte, zu vergessen.
Er kam aus dem Bad heraus und nahm mir die schwere Tasche ab. Den anderen Arm legte er um meine Schulter und wir traten aus dem Zimmer in den Hotelflur. Der Lift brachte uns wieder hinunter in die kleine Hotelhalle und wir bedankten uns bei dem freundlichen Portier für den guten Service.
Das Taxi, welches uns zum Hafen bringen sollte, wartete bereits und kurz darauf waren wir unterwegs zur Fähre, die uns zurück nach Seattle brachte.
Wehmütig beobachtete ich, wie Bainbridge Island immer kleiner und kleiner wurde, bis es schließlich völlig verschwand.
„Wir fahren wieder mal hin, versprochen“, flüsterte mir Edward ins Ohr, der meine Wehmut bemerkte.
„Das wäre schön!“, antwortete ich und lehnte mich stärker an ihn.
Viel zu schnell erreichten wir das Festland und holten unser Auto aus dem Parkhaus. Geschickt manövrierte Edward uns durch Downtown Seattle, bis wir uns auf der Landstraße befanden, die uns nach Hause führte.
Das Haus wirkte in der Dunkelheit einsam und verloren, so ganz ohne die übliche Staatsbeleuchtung. Edward fuhr direkt in die Garage, entsicherte die Alarmanlage und wir traten durch die Verbindungstür in das Hausinnere.
Wir schalteten sämtliche Lichter ein und nach Edwards jetzt üblichem Kontrollgang, begaben wir uns in unser Schlafzimmer.
Ich duschte mir den Reisestaub vom Körper und schlüpfte in einen bequemen Pyjama, während Edward sich die Zähne putzte.
Das alles wirkte so unglaublich normal, dass ich beinahe vergaß, in welcher Gefahr wir uns immer noch befanden.
Wir legten uns ins Bett, obwohl es noch recht früh war, doch Edward musste am nächsten Tag zeitig raus, um seinen ersten Tag in der Bezirksstaatsanwaltschaft zu beginnen.
Eng aneinander gekuschelt unterhielten wir uns leise und genossen die Nähe die uns wieder verband. Wir standen uns sogar noch näher, als früher, als hätten die dramatischen Ereignisse uns nur noch enger miteinander verbunden.
„Hast du dir eigentlich mal Gedanken wegen einem Namen gemacht?“, fragte mich Edward neugierig.
„Schon, aber irgendwie bin ich total unschlüssig. Hast du eine Idee wie wir unseren Krümel nennen sollen?“
„Lass mich überlegen“, meinte er sinnend, „ was hältst du davon, wenn wir unsere Favoriten auf einen Zettel schreiben und bei den ersten drei Übereinstimmungen, nehmen wir die Namen und entscheiden uns für einen.“
„Das ist eine großartige Idee!“, rief ich aus und schlüpfte aus dem Bett, um zwei Blatt Papier und zwei Stifte zu besorgen.
Jeder für sich saß auf seiner Bettseite und notierte die in Frage kommenden Namen auf dem Blatt Papier.
Nach nur wenigen Minuten tauschten wir aufgeregt unsere Blätter aus und lasen die Namen die der jeweils andere notierte.
Ich musste lächeln.
Dort standen in seiner schöngeschwungenen Handschrift mindestens zehn Namen, die ich alle sehr schön fand. Doch keiner davon war auf meiner Liste zu finden.
Er merkte es ebenfalls in dieser Sekunde und sah mich ratlos an.
„Hm, und was jetzt? Wir haben nicht eine Übereinstimmung“, meinte er etwas verblüfft.
„Vielleicht sollten wir Lose ziehen“, scherzte ich und er sah mich entsetzt an.
„Bist du irre?“, ereiferte er sich und ich musste jetzt wirklich laut lachen.
Er nahm mich tatsächlich ernst und glaubte, ich wolle den Namen unseres Sohnes tatsächlich dem Zufall überlassen.
„Beruhige dich, Edward!“, kicherte ich, „ Das war nur ein Scherz. Ich habe da ein Buch mit Jungennamen. Wir könnten es gemeinsam durchstöbern. Wir werden bestimmt einen Namen finden, der uns beiden gefällt.“
Edward nickte zustimmend und ich stieg ein weiteres Mal schwerfällig aus dem Bett und schnappte mir das Namensbuch, welches auf der Kommode stand.
Zurück im Bett, setzte ich mich gemütlich zwischen Edwards Beine und lehnte den Rücken an seine Brust. Sein Kinn lag auf meiner Schulter, seine Wange an meine gepresst und er spähte neugierig auf das Buch, das ich aufschlug.
Eingehüllt in seiner mollig warmen Umarmung, begann ich die ersten Namen vorzulesen. Es waren viele hübsche Namen dabei, doch keiner der uns beiden zusagte.
„Bernhard, Bruce, Baily “, las ich laut vor und Edward unterbrach mich.
„Ich glaube B können wir uns sparen, oder?“
Ich grinste und blätterte weiter. So gingen wir Buchstaben für Buchstaben durch, bis wir bei J landeten.
„James, John, Josef, Joshua“, hier stockte ich, weil mir der Klang des letzten Namens so sehr gefiel.
„Was hältst du von Joshua?“, fragte ich neugierig.
Er überlegte ein bisschen und sprach den Namen immer und immer wieder aus, um sich an den Klang zu gewöhnen.
„Joshua, Joshua, Joshua! Da könnte man auch gut Josh daraus machen, das klingt dann nicht so biblisch. Aber ich muss gestehen, dass mir der Name ausnehmend gut gefällt“, meinte er mit wachsender Begeisterung.
In Gedanken sah ich mich durch unseren Garten laufen und Ausschau nach unserem Sohn halten. Es war Zeit fürs Essen und ich rief nach ihm.
„Josh, reinkommen, das Essen ist fertig.“
Ich schüttelte die Fantasie ab, doch ich wusste, dass wir den Namen für unser Kind gefunden hatten.
Am nächsten Morgen merkte man Edward seine Aufregung an, als wir beim Frühstück saßen. Heute war sein offiziell erster Tag als Staatsanwalt und ein neuer Abschnitt begann in seinem Leben.
Ich band ihm die Krawatte, weil seine Hände fahrig an dem Knoten herumzogen und ich es irgendwann nicht mehr mitansehen konnte.
Grinsend blickte er auf mich nieder.
„Was würde ich nur ohne dich machen, Liebling?“
„Da ich immer bei dir bleiben werde, stellt sich die Frage überhaupt nicht. Hat dir Jake gesagt, wann er hier sein wird. Ich treffe mich nämlich mit Leah im Studio und muss ihn noch schonend darauf vorbereiten.“
„Streiten die zwei immer noch soviel? Ich dachte eigentlich, mit dem Erwachsenenalter, wären sie ein bisschen ruhiger geworden, was das angeht! Aber da hab ich mich wohl getäuscht.“
Ich erzählte Edward nichts von Leahs Gefühlen für Jake, es erschien mir nicht richtig, da sie es mir im Vertrauen gestanden hatte. Okay, gestanden war vielleicht übertrieben, ich entlockte es ihr förmlich.
„Sie können keine fünf Minuten in einem Raum verbringen, ohne sich gegenseitig an die Kehle zu springen“, bestätigte ich ihm, „ aber so sind sie nun mal. Jake wird nur nicht begeistert sein, dass ich sie so oft sehe, da er das Gefühl hat, jetzt auf uns beide aufpassen zu müssen. Aber ich habe ihr versprochen, sie im Sender herumzuführen. Sie ist ganz scharf darauf, so ein Fernsehstudio von innen zu sehen.“
„Und was Leah will, das kriegt sie auch. Ich habe noch nie so ein stures Weibsbild kennengelernt, kein Wunder, dass Jake wahnsinnig wird. Sie hätte ein Kerl werden sollen,“ lachte er, „ optisch ist sie ja auf dem besten Weg dahin, sie muss sich nur noch die Haare abschneiden.“
Böse starrte ich ihn an.
„Hört doch alle auf, ständig auf Leah rumzuhacken. Sie ist sehr hübsch und nur, weil sie nicht Tonnen von Make-up im Gesicht hat und nur Jeans trägt, macht sie das noch lange nicht zum Mann.“
Zerknirscht sah er mich an.
„Entschuldige, du hast natürlich recht. Leah hat das nicht verdient.“
Er seufzte.
„Ich muss jetzt wirklich los! Jake wird in circa einer Stunde da sein.“
Er küsste mich innig und verließ das Haus. Ich setzte mich zurück in die Küche, trank noch ein Glas Milch und hing meinen Gedanken nach, als es an der Haustür klingelte.
Ich zuckte erschrocken zusammen und schaute durch das Fenster neben der Tür. Niemals hätte ich wie früher einfach geöffnet, ohne zu wissen, wer da auf mich wartete.
Nachdem ich Jakes hochgewachsene Gestalt erblickte, öffnete ich und ließ ihn eintreten.
„Guten Morgen, Bella!“, sagte er und drückte mir ein Küsschen auf die Wange.
Er folgte mir in die Küche, wo ich ihm eine Tasse Kaffee einschenkte. Sehnsüchtig blickte ich auf die braune Flüssigkeit in seiner Tasse, verkniff mir aber mittlerweile diesen Genuss, da mein Kleiner jedesmal mit akrobatischen Turnübungen darauf reagierte.
„Wie sieht denn deine Tagesplanung aus?“, fragte er und schob sich ein Croissant fast komplett in seinen Mund.
Grinsend beobachtete ich meinen alten Freund beim Futtern. Er war schon immer ein Vielfraß gewesen, doch mit den Jahren, hatte sich das nur noch gesteigert. Er würde mir noch die Haare vom Kopf fressen.
„Wir müssen noch zum Sender“, fing ich vorsichtig an, „ heute findet eine Aufzeichnung statt und ich muss mich dort blicken lassen. Außerdem habe ich noch jemandem eine Führung versprochen!“
„Cool, ich wollte schon immer mal einen Sender von innen sehen. Wen führst du den herum?“
„Leah!“, sagte ich und wartete auf sein Donnerwetter.
Das blieb komischerweise aus und er sah sehr nachdenklich aus.
„Ist was zwischen euch vorgefallen?“, hakte ich nach.
„Wir haben uns gestern wieder mal gestritten, diesmal aber heftiger als sonst. Ich weiß nicht mal mehr worum es ging.“, meinte er bedrückt, „ Ich habe sie an den Armen gepackt und geschüttelt und dann….“, er stoppte und rieb sich den Hals, als wäre ihm der Kragen seines Hemdes unangenehm.
„Und dann?“, wollte ich wissen.
„Ich hab sie geküsst! Verdammt, ich habe Leah geküsst!“
Fassungslos schüttelte er immer noch den Kopf.
„Ich weiß wirklich nicht was mich da geritten hat. Sie ist überhaupt nicht mein Typ und noch dazu ist sie fast wie eine Schwester. Ich habe ihr gesagt, dass es ein Versehen war und dass ich sie keineswegs als Frau sehe.“
„Oh Jake!“, rief ich, „ Du bist ja so dämlich.“
„Jetzt mach du mir nicht auch noch das Leben schwer. Es reicht, dass ich Probleme mit Leah habe. Die Ohrfeige die sie mir gestern verpasst hat, war ja wohl Strafe genug.“
Ich beschloss das Thema auf sich beruhen zu lassen. Immerhin war es ein erster Schritt für Leah und das schon viel eher, als erwartet. Ein Mann küsste keine Frau, wenn nicht irgendeine Anziehung vorhanden war. Dass er es tat, bevor sie in Alice Fänge geriet, freute mich insgeheim.
Schade war nur, dass er sich wie ein Trottel aufführte und Leah nach dem Kuss schwer beleidigte. Ihr zu sagen, er sehe sie nicht als weibliches Wesen, war schon mehr als dumm. An seinem Feingefühl musste er definitiv noch arbeiten.
„Lass uns losfahren, Jake. Je eher ihr euch wieder gegenübertretet, desto besser.“
Wir fuhren zum Sender. Während wir nebeneinander im Auto saßen, musterte mich Jake immer wieder von der Seite.
„Sag mal, Bella! Wie war das denn jetzt mit dieser Tanya? Edward hat mir nur im Groben erzählt, was da gelaufen ist. Er meinte, du würdest mich schon ins Bild setzen.“
Es fiel mir schwer die Geschichte zu erzählen, Doch Jake musste genauestens über Tanya und ihre Machenschaften informiert werden. Ich begann mit den Intrigen, durch die es erst zur Trennung kam und endete mit den Ereignissen in Forks.
Jake wirkte schockiert.
„Edward hat tatsächlich geglaubt, du würdest ihn mit diesem James betrügen. Kennt er dich so schlecht?“, rief er entrüstet.
Ich nickte kläglich, durchaus geschmeichelt von seiner Empörung.
„Diese Frau hat echt einen an der Leitung und ist gefährlich. Edward tat gut daran, mich zu deinem Schutz zu engagieren. Solche Leute wie Tanya, oder wie immer sie auch heißt, steigern sich immer mehr in ihren Hass hinein und er wird zu ihrem Lebensinhalt. Was habt ihr bisher noch herausgefunden?“, fragte er ernst.
„Shelley und Peter sind aktuell in Maryville. James erwähnte, dass sie diesen Namen versehentlich ausgespuckt hat, als er was über ihre Vergangenheit wissen wollte. Sie haben sich bisher nicht gemeldet, aber sie sind ja auch erst gestern Abend dort angekommen. Ich bin sicher, sie werden anrufen, sobald sie Näheres wissen.“
Jake nickte zustimmend.
„Es wäre wichtig, etwas über sie zu erfahren, weil es nie gut ist, nichts über den Gegner zu wissen.“
Im Sender machte ich mich erst auf die Suche nach Emmett, während Jake mir wie ein Schatten folgte.
Ich fand ihn diskutierend mit dem Regisseur und machte mich winkend bemerkbar.
Er ließ den Kerl stehen und kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu.
„Bells, endlich sehen wir uns wieder. Ich hab dich schon vermisst. Unser Stargast heute ist schon unterwegs, aber es dauert noch ein Weilchen. Du kannst es also ruhig angehen lassen.“
Ich klopfte mir auf meinen Bauch.
„Allzu schnelle Bewegungen sind auch nicht mehr möglich“, zog ich ihn auf, „ Wo ist den Rose?“
„Sie ist mit Vic und James in der Cafeteria. Sie freuen sich bestimmt, wenn du zu ihnen stößt. Ich muss mich hier noch mit diesem Idioten von Regisseur rumschlagen. Der Kerl kapiert einfach nicht, dass es sich hier um eine Kinderproduktion handelt und nicht um eine Literaturverfilmung.“
„Dann will ich dich mal nicht weiter aufhalten. Bis später, Em!“
Ich entdeckte die Dreiergruppe sofort nach meinem Eintreten und steuerte zielsicher auf deren Tisch zu.
„Hallo!“, rief ich in die Runde.
Roses Augen weiteten sich vor Überraschung und mit einem Freudenschrei nahm sie mich in den Arm. Auch Vicky umarmte mich überschwenglich, während James mir deutlich zurückhaltender die Hand schüttelte.
Er bemühte sich seit seinen Dummheiten sehr um Besserung und man sah ihm an, dass er unglaublich verliebt in die süsse Vicky war. Diese war förmlich erblüht, seit wir uns das letzte Mal trafen und strahlte vor Glück.
Ich nahm Platz und winkte Jake zu, doch er zog es vor, sich an einen Tisch abseits zu setzen und scannte seine Umgebung. Nichts schien seiner Aufmerksamkeit zu entgehen und ich fühlte mich vollkommen sicher in seiner Begleitung.
„Na, was gibt es Neues?“, fragte ich und Rose lächelte.
„Naja, die Sendung läuft morgen das erste Mal über den Schirm und wir hoffen natürlich alle auf den Erfolg. Die Gaststars für die nächsten zwei Staffeln haben wir auch schon sicher und die Morning Post bringt einen Artikel über uns in der nächsten Ausgabe. Hab ich was vergessen, Vic?“
„Wow, ich glaube, ich war zu lange nicht mehr hier“, staunte ich.
„Du musst dich um dich und dein Baby kümmern, Bella! Keiner nimmt es dir krumm, dass du jetzt an dich denkst. Außerdem musst du dein neugewonnenes Liebesglück mit Edward ausleben “, grinste Rose.
Ich streckte ihr die Zunge raus und alle, selbst James, lachten. Seit langem fühlte ich mich ausgelassen und fröhlich und ich schöpfte neue Hoffnung, dass sich doch alles zum Guten wenden würde.
Die Tür öffnete sich und Alice kam hinein geschwebt, Jasper an der Hand hinter sich herziehend. Dieser kam fast nicht hinterher, so eilig hatte sie es an unseren Tisch zu kommen. Es war ein göttlicher Anblick, wie dieser gutaussehende Mann, gutmütig hinter seiner Verlobten Schritt hielt und sie grinsend beobachtete.
Jetzt fehlte eigentlich nur noch Leah und wir wären komplett. Doch diese würde erst etwas später hinzukommen.
Ich wartete immer noch mit Spannung auf den Moment, an dem sich Leah und Alice das erste Mal begegnen würden. Schließlich ahnte meine alte Freundin noch nichts davon, dass ich Alice auf sie angesetzt hatte.
„Bells“, rief sie mir schion von weitem zu und wedelte mit ihrem Hut, den sie in der Hand hielt. Endlich war sie , samt Jasper, bei uns angelangt und beugte sich zu mir, um mir ein Küsschen auf die Wange zu drücken.
Sie sah sich suchend um und runzelte die Stirn.
„Wo ist sie?“, fragte sie.
„Psst, nicht so laut!“, mahnte ich.
Jake musste ja nicht unbedingt mitbekommen, dass wir uns vorgenommen hatten, Leah ein wenig auf zu hübschen.
Alice kicherte verschwörerisch und setzte sich neben mich.
„Ist er das?“, fragte sie mich neugierig und ließ den Blick über Jakes lange Gestalt gleiten.
„Hey!“, beschwerte sich Jasper, „ Du sollst keine fremden Männer anstarren. Wenn du was zum gucken willst, dann schau mich an:“
Alice strahlte verliebt in die Runde.
„Ich liebe es, wenn er eifersüchtig wird!“
Alle lachten, außer Jasper, der beleidigt einen Schmollmund zog. Alice küsste ihm diesen weg und flüsterte etwas in sein Ohr, was mit einem strahlenden Lächeln an sie quittiert wurde.
Wir verbrachten scherzend die nächste halbe Stunde damit, über die Sendung zu sprechen und über den Regisseur zu lästern, der er schaffte, Emmett mit seinen Eskapaden in den Wahnsinn zu treiben.
Ein Anruf auf Rosalies Handy zwang uns zum Aufbruch und auch für mich wurde es Zeit, Leah am Haupteingang abzuholen.
Jake folgte mir mehr oder weniger unauffällig auf dem Weg nach unten. Leah stand schon an der Info als sie mich erblickte. Sie sagte etwas zu der Dame die dahinter stand und lief mir entgegen.
„Oh, da bist du ja. Ich habe schon geglaubt du hättest mich vergessen!“
„Nie im Leben!“, sagte ich entrüstet, „ Komm, wir müssen mit dem Aufzug hoch. Die Aufzeichnung hat schon begonnen.“
Wir fuhren mit dem Lift nach oben und betraten das Aufnahmestudio. Mit dem Finger auf den Lippen forderte ich sie zur Ruhe auf und wir gingen so nah wie möglich heran, ohne die Arbeit des Teams zu stören.
Leah und auch Jake schienen schwer beeindruckt von dem technischen Aufwand, der mit so einer Produktion verbunden war und staunten nicht schlecht, als sie die vielen Leute sahen, die hier umherschwirrten. Techniker und Visagisten, als auch Kameraleute und Beleuchter. Mittendrin thronte der arrogante Regisseur, der seine Anweisungen gab und mit verkniffenem Gesichtsausdruck etwas in sein Notizbuch schrieb.
Die Aufnahmen dauerten etwa zwei Stunden, bevor die letzte Szene im Kasten war. Danach kam unser Stargast mit ausgebreiteten Armen auf mich zugeschossen, um mich zu begrüßen.
Ich kannte ihn durch Edward und begrüßte den ungemein charmanten Mittvierziger zurückhaltend. John Dubois, ein französisch stämmiger Lokalpolitiker, war mir schon immer zu schleimig gewesen. Seine Art mit Menschen, vor allem mit Frauen umzugehen, behagte mir überhaupt nicht und ich ging ihm bei den wenigen Parties, die ich mit Edward besuchte, konsequent aus dem Weg.
Dennoch war er in Seattle sehr prominent und es ließ sich fast nicht vermeiden, ihn als Gast für meine Sendung zu gewinnen. Es bedurfte keinerlei Überredungskunst von Edwards Seite, um Dubois davon zu überzeugen, hier mitzumachen. War er doch der Meinung, die Teilnahme an so einer Show, würde ihm Bonuspunkte in seinem Portfolio bringen.
Er besah sich das kleine Grüppchen, welches sich um mich gebildet hatte und starrte gierig auf Leah. Eines musste man dem Kerl lassen, er hatte einen Blick für Frauen und ließ sich von ihrem spröden Äußeren nicht abschrecken. Charmant nahm er ihre Hand und hauchte einen Kuss auf die Innenseite. Leah holte tief Luft und war erstmal sprachlos bei soviel geballtem, männlichem Charme, der auf sie einstürzte.
„Und mit wem habe ich das Vergnügen?“, hauchte er verführerisch.
Leah hatte unter seinem Blick Mühe, Luft zu holen und sagte stotternd.
„Lea…Lea..Leah Clearwater.“
Ein merkwürdiges Geräusch ließ mich den Kopf wenden, um die Ursache dafür zu ergründen.
Es war Jake!
Er presste die Finger so stark aneinander, dass man die Knochen knacken hörte und er wirkte, als würde er diesem Lackaffen am liebsten die Faust in dessen grinsendes Gesicht schmettern.
Grinsend genoss ich die Situation.
Wenn das kein klarer Anfall von Eifersucht war, dann wusste ich auch nicht.
Jakes schneidende Stimme durchbrach die Charmeoffensive von John Dubois.
„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie die Finger von meiner Verlobten lassen würden, Mr. Dubois. Ihre Wähler sehen es sicher nicht gern, wenn Sie die Frauen anderer Bürger becircen. Finden Sie nicht auch?“
Der Gesichtsausdruck von Leah nach diesen Worten war unbezahlbar und wie, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, packte er sie und schlang den Arm um ihre Hüften.
Der Kerl trat den Rückzug an und Leah sah Jake wütend an.
„Sag mal, spinnst du?“, fragte sie ihn aufgebracht, „ Was nimmst du dir für Frechheiten raus. Ich kann auf mich alleine aufpassen, dafür brauche ich keinen dämlichen, aufgeblasenen Indianer.“
Jakes Gesicht rötete sich vor Wut und er schlug zurück.
„Ich wollte dich nur vor diesem Kerl beschützen, aber wenn du Wert darauf legst, von solchen blasierten Lackaffen angemacht zu werden, bitte, nur zu. Das war das letzte Mal, dass ich dir geholfen habe.“
Sie schnaubte vor Zorn und baute sich vor ihm auf, das Gesicht nur wenige Zentimeter von seinem entfernt. Da sie für eine Frau recht groß war, kam sie ihm recht nahe.
„Die einzige Person, vor der man mich schützen muss, bist du! Oder hast du vergessen, dass du mich gestern geküsst hast. Ich kann mich nicht erinnern, dir die Erlaubnis dazu erteilt zu haben. Bevor du andere verurteilst, solltest du mal vor der eigenen Haustür kehren, mein Lieber.“
Er beugte sich runter, die Augen funkelnd vor Ärger und die Zornesfalte auf seiner Stirn vertiefte sich.
„Willst du mich etwa mit diesem Kerl vergleichen, Leah?“
Sie schluckte, denn jetzt sah er wirklich furchteinflößend aus.
Er packte sie an den Armen.
„Wenn du mich schon mit ihm in einen Topf wirfst, dann bitte schön, aus gutem Grund!“, rief er und stürzte seinen Mund auf ihre Lippen.
Stocksteif stand sie in seiner Umarmung und ließ sich küssen. Nach und nach hoben sich ihre Arme und legten sich schließlich um seinen Hals. Erleichtert stöhnte er leise auf und drückte sie fester an sich, während er den Kuss vertiefte.
Ein bisschen geschockt betrachtete ich das Schauspiel vor mir, solange, bis Leah zurücktrat und ihm eine knallte.
„Mach das nie wieder! Ich will nicht aus Wut geküsst werden, oder weil du meinst, mir was beweisen zu müssen. Auch wenn du es nicht glaubst, aber auch ich habe Gefühle und ich verdiene eine bessere Behandlung.“
Sie drehte sich zu mir um.
„Entschuldige Bella, dass wir hier so eine Szene veranstaltet haben. Ich werde jetzt gehen.“
Eine zarte weibliche Stimme unterbrach Leah.
„Da komme ich mit, kann ich dich irgendwohin mitnehmen?“
Es war Alice und sie grinste mir verschwörerisch zu, während sie Jake einen abfälligen Blick schenkte.
Der war mittlerweile ziemlich kleinlaut geworden und schämte sich für sein unmögliches Verhalten. Irgendwie war es beruhigend zu wissen, dass nicht nur Edward in der Lage war, sich wie ein Volltrottel aufzuführen. Was das anging, waren wohl alle Männer gleich!
„Leah, diese freundliche Person hier ist meine Freundin Alice. Du kannst ihr ohne weiteres vertrauen und dich von ihr in die Stadt bringen lassen. Es ist auf jeden Fall besser als den Bus oder die U-Bahn zu nehmen.“
Leah würde mich morgen lynchen, wenn sie diesen Tag mit Alice überlebte. Die Chancen, dass Leah davonkam, ohne in ein Dutzend Fachgeschäfte für Bekleidung geschleppt zu werden, waren gleich null.
Auf der anderen Seite, war eine Generalüberholung ihres Kleiderschranks dringend nötig, wenn sie Jake beeindrucken wollte. Obwohl ich den Verdacht hegte, dass dies gar nicht mehr notwendig war, so wie er sich aufführte.
„Ich nehme das Angebot gerne an!“, unterschrieb Leah das Todesurteil ihres Stylings.
Sie küsste mich auf beide Wangen und verabschiedete sich von mir, ohne Jake auch nur eines Blickes zu würdigen. Alice zog fröhlich mit ihrem neuen Opfer von dannen. In ihren Augen glänzte die Vorfreude und das arme Ding würde mit Sicherheit einem Einkaufsmarathon ausgesetzt werden.
Jake seufzte schwer, als er ihr nachsah.
„Warum müsst ihr zwei nur immer so dickköpfig sein?“, fragte ich kopfschüttelnd.
„Leah und ich, das ist eine ganz eigene Geschichte. Ich kann es dir selbst nicht erklären, aber etwas ist anders, seit ich wieder da bin und sie für mich arbeitet.“
„Ihr seid verliebt ineinander, du Volltrottel. Das sieht doch selbst ein Blinder!“
„Quatsch, wir sind viel zu verschieden. Ich glaube, ich sollte mal wieder ausgehen. Eine neue Frau in meinem Leben bringt mich bestimmt wieder zur Vernunft.“
Dem Kerl war einfach nicht zu helfen!
Den Rest des Tages verbrachte ich im Sender und unterhielt mich mit Emmett über den Verlauf der nächsten Aufzeichnungen. Er war zwar ein Spaßvogel, aber was das geschäftliche anging, verstand er keinen Spaß. Der Regisseur würde Geschichte sein, sobald er Ersatz für ihn bekam und auch meine Bitte, es noch einmal mit ihm zu versuchen, stieß auf taube Ohren.
Da dies nicht in meinen Zuständigkeitsbereich fiel, nahm ich es hin und ließ mich dann von Jake nach Hause fahren. Der Tag war lang und ich sehnte mich nach Edward. Ich vermisste schon nach wenigen Stunden seinen Duft, sein schiefes Lächeln und die Wärme und Geborgenheit seiner Arme.
Zuhause wartete ich gemeinsam mit Jake auf Edward. Es dauerte nicht lange, bis er endlich da war und ich ihn endlich wieder in die Arme schließen konnte.
„Das heißt wohl, du hast mich vermisst!“, scherzte er geschmeichelt, nachdem ich seine Lippen endlich freigegeben hatte.
„Das kann man wohl sagen!“, erwiderte ich ehrlich.
Ein stürmisches Klingeln ließ uns auseinanderfahren und Jake lief wachsam zur Tür. Es waren jedoch Peter und Shelley.
Wir sahen uns in die Augen, jeder den gleichen Gedanken im Sinn. Wenn sie jetzt schon wieder zurück waren, dann mussten sie irgendetwas Wichtiges erfahren haben!
Shelley holte tief Luft, bevor sie sprach.
„Ich weiß jetzt, was mit Tanya los ist!“
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